Retourkutsche

Kaufe ein In gewissem Sinne begann alles bereits 1870. Damals nämlich wurde die sechzehnjährige Aletta Jacobs als erste Frau überhaupt offiziell als Zuhörerin an einer hogere burgerschool zugelassen.* Der Besuch einer solchen – dem Gymnasium ähnelnden, inzwischen in dieser Form nicht mehr bestehenden – weiterführenden Schule ermöglichte in den Niederlanden das anschließende Studium an einer Universität. Nach dem Schulabschluss im Folgejahr richtete Jacobs den Antrag auf eben dieses Studium an den Innenminister Johan Rudolph Thorbecke persönlich und schrieb sich sodann mit dessen Zustimmung als Medizinstudentin an der Rijksuniversiteit in Groningen ein. (->Jacobs Gesuch ebenso wie das an ihren Vater gerichtete Antwortschreiben des Ministers befinden sich heuer im Algemeen Rijksarchief in Den Haag.) **

Der Hohn, den die nationale Presse dieses als Anmaßung aufgefassten Schrittes wegen über den Minister, Aletta Jacobs und ihre Familie auskübelte, war so vernichtend, dass einer ihrer Brüder seine Schwester öffentlich für tot erklärte, um der medialen Treibjagd Einhalt zu gebieten. Die junge Dame wiederum war quicklebendig und ließ sich nicht beirren, auch wenn die Schilderungen dieser Zeit in ihren Memoiren durchscheinen lassen, wie aufwühlend und zugleich prägend die damals gemachten Erfahrungen waren. Derselbe Minister Thorbecke jedenfalls – der vor allem wegen seiner liberalen Umarbeitung der niederländischen Verfassung im europäischen Revolutionsjahr 1848 in Erinnerung geblieben ist – erteilt wiederum ein Jahr später der jungen Studentin die Erlaubnis, an der Hochschule tatsächlich auch Prüfungen abzulegen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist der Weg geebnet für einen bemerkenswerten Lebenslauf.

Nach dem Ablegen des sogenannten artsexamen sowie der anschließenden (in den Niederlanden eigentlich nicht zwingend nötigen) Promotion wird Aletta Jacobs zur ersten (institutionell beglaubigten) Ärztin des Landes und eröffnet eine Praxis in Amsterdam. Freilich bleibt dieser berufliche Erfolg, so außergewöhnlich er für sich genommen im ausgehenden 19. Jahrhundert ist, lediglich eine Facette ihres öffentlichen Wirkens. Bevor sie sich nämlich mit ihrem Arztbesteck niederließ, legte sie einen Schlenker über London ein, wo sie an einem Krankenhaus assistieren durfte, gewissermaßen als Praktikantin, was in den Niederlanden nicht möglich war. Spannend ist dieser Abstecher in die britische Hauptstadt vor allem deswegen, weil Jacobs dort die Bekanntschaft weiterer Ärztinnen und anderer berufstätiger Frauen machte, die sie für ein Thema anfixen, das ihr in der Folge ein Lebensanliegen werden würde: Der Kampf für das Frauenwahlrecht.

Dabei war das Recht zur politischen Teilhabe für Frauen zumindest in den Niederlanden auf den ersten Blick absurderweise überhaupt keine Streitfrage. Es bestand schlichtweg kein Verbot der Stimmabgabe für den weiblichen Teil der Bevölkerung. Was wiederum indirekt einiges über die Verfasstheit der niederländischen Gesellschaft zu dieser Zeit erzählt, denn die Landesväter benötigten eine derartige Klausel gar nicht, hatten sie doch für derlei Fälle einen klassischen Catch-22 ins Wahlrecht eingewerkt, um bei ihren Mauscheleien im Wahllokal für alle Zeiten unter sich zu bleiben: An politischen Wahlen teilnehmen durfte nur, wessen Einkommen über einer gesetzlich festgelegten Mindesthöhe lag, was de facto genau 100 % aller Frauen ausschloss. Diese mochten zwar viel arbeiten, wurden dafür aber – ebenso wie so manches männliche Mitglied des Prekariats – mit wenig mehr als einem Hungerlohn bezahlt. Urne zu, Affe tot. Bis Aletta Jacobs mit ihrer Arztpraxis an der schicken Herengracht daherkam. Und auf ihrem Recht bestand.


*Klick* Aletta Jacobs

Jacobs Ansinnen zu wählen (und gewählt zu werden: Sie selbst wollte sich als Kommunalpolitikerin zur Wahl stellen. Als Frau!) wurde drei Mal abgewiesen, bis die Autoritäten schließlich die Masken fallen und das Frauenwahlrecht – aktiv sowie passiv – per Dekret verbieten ließen. Das war bereits in den 1890ern und die Zeit offensichtlich reif für ein bisschen Suffragetten-Action. 1894 gehörte Aletta Jacobs zu den Gründerinnen der Vereniging voor Vrouwenkiesrecht, des Vereins für das Frauenwahlrecht. (Eine ihrer Mitstreiterinnen, Wilhelmina Drucker, hatte bereits auf einem Kongress der Zweiten Internationale drei Jahre zuvor in Brüssel durchgesetzt, dass alle sozialistischen Parteien die rechtliche und politische Gleichstellung von Mann und Frau in ihre Programme aufnehmen sollten. Dass sich das Verhältnis der sogenannten Linken zu den Frauenrechtlerinnen in der Folge als nicht immer so rosig wie auf dem Papier gestaltete, ist freilich ein Kapitel für sich und steht mithin auf anderen Pixeln.)

Von 1903 bis 1919, dem Jahr also, in dem das vollumfängliche Wahlrecht für Frauen in den Niederlanden Gesetz wurde, war Aletta Jacobs Vorsitzende der Vereniging. In diesen Jahren profilierte sich die inzwischen berühmte Frau außerdem als internationale Streiterin für den Frieden, die ihre Fühler ausstreckte zu großen Persönlichkeiten wie Jane Addams und Bertha von Suttner. Vor einigen Jahren tauchte eine wenige Sekunden andauernde Filmaufnahme auf, die Aletta Jacobs im Jahr 1915 auf dem Pariser Platz in Berlin zeigt.

Hier sollte ein großer pazifistischer Kongress stattfinden, der schlussendlich aus dem kriegstaumelnden Deutschen Reich nach Den Haag verlegt wurde. Die dort verabschiedete Resolution hat Einfluss auf das berühmte 14-Punkte-Programm zur Nachkriegsordnung des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Gestaltung und Abwicklung der großen Zusammenkunft legte Jacobs in die Hände eines rund dreißig Jahre jüngeren, umtriebigen Vereinsmitgliedes. Enter Rosa Manus.

Die Tochter eines Tabakhändlers (und einer Hausfrau) aus Amsterdam, die von ihrem Vater nicht als Modehändlerin arbeiten durfte, hatte bereits 1913 – anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Königreichs – eine große und vielbeachtete Ausstellung kuratiert, die sich mit dem Wandel der Rolle der Frau in der niederländischen Gesellschaft befasste. Rosa Manus war ein Organisationstalent (1924 besorgte sie die Festlichkeiten zu Aletta Jacobs 70. Geburtstag), die in der Öffentlichkeit weniger profiliert auftrat, dafür aber hinter den Kulissen in allerlei Komitees und Ausschüssen für Recht und Gerechtigkeit kämpfte. Als Aletta Jacobs 1929 starb, ging Manus den gemeinsam eingeschlagenen Pfad unbeirrt weiter. Sie hatte große Teile der umfangreichen Bibliothek der Freundin geerbt, die später mit ihren eigenen Büchern zum Grundstock des von ihr im Jahr 1935 mitgegründeten Internationaal Archief voor de Vrouwenbeweging (Internationales Archiv der Frauenbewegung – IAV) wurden. In vielerlei Hinsicht war das IAV ein Kulminationspunkt der aufgenommenen Arbeit – Dokumentationszentrum für das, was mutige Bürgerinnen (und einige wenige Bürger) geleistet hatten und Anlaufstelle für jene, die weiterhin etwas leisten wollten. Die Bibliothek umfasste von Tagebüchern bis hin zur Doktorarbeit alle möglichen Dokumente, die im Streit für Gleichberechtigung eine Rolle gespielt hatten.


*Klick* Rosa Manus bei der Ausübung ihres Wahlrechts. Die Kühe im Stall staunen.

Rosa Manus entstammte – wie Aletta Jacobs – einer jüdischen Familie. 1933 hatte sie noch ein Komitee gegründet, dass Flüchtlingen aus Hitlerdeutschland Beistand zukommen ließ. Als die Nazis schließlich in den Niederlanden einfielen, kam für die meisten der dort lebenden Juden jede Hilfe zu spät. Im August 1941 wird Rosa Manus zunächst verhaftet und im Monat darauf nach Deutschland deportiert. Ihre Spur verliert sich im KZ Ravensbrück, Todesort und -datum lassen sich heute nicht mehr eindeutig nachvollziehen. Das IAV wiederum hatten die Besatzer bereits in den ersten Monaten nach der Invasion schließen lassen, die Bibliothek wurde beschlagnahmt.

Warum die Bücher des IAV nicht kurzerhand vernichtet wurden, ist nicht recht einleuchtend, prinzipiell legten die Herrenmenschen in derlei Angelegenheiten bekanntlich wenig Skrupel an den Tag. Zumal der materielle Wert der Bände eine Überführung ins Reich kaum rechtfertigen konnte. Bei Atria, der sich seit 2012 so nennenden Nachfolgeeinrichtung des IAV, heißt es, die Nazis hätten auf Nachfrage bezüglich der Beschlagnahmung mündlich verlauten lassen, ‚ihre Frauen hätten das so gewollt‘. Tatsächlich soll sich die Reichsfrauenführerin Gertrud Scholz-Klink nach ihrer Verhaftung 1948 damit gebrüstet haben, in ihrer Bibliothek viele Dutzend Bücher aus Amsterdam stehen gehabt zu haben. (Scholz-Klink lebte nach einem kurzen Gerichtsverfahren (wegen Führung einer falschen Identität!) im idyllischen Bebenhausen nahe Tübingen und verteidigte bis zu ihrem Tod im Jahr 1999 eifrig die nationalsozialistische Sache in Wort und Tat – Erfolgsgeschichte Entnazifizierung.) Wie dem auch sei, es muss an dieser Stelle ein Fragezeichen bleiben. Nach 1945 waren die Bücher jedenfalls erstmal futsch.

Die Wege des Raubguts sind unergründlich. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende der Sowjetunion schließlich stellte sich in den 1990er Jahren heraus, dass ein Teil der Amsterdamer Bibliotheksbestände in diversen Moskauer Kellergewölben Staub ansetzte. Es bedurfte mehrerer diplomatischer Initiativen auf höchster Ebene bis 1999 endlich rund 500 Bände den Weg zurück an die Amstel fanden. Der Rest blieb verschollen. Bis…bis die Zentral- und Landesbibliothek zu Berlin im Jahr 2010 eine große Bestandaufnahme der eigenen Sammlung startete und im Laufe der Jahre (große Sammlung trifft auf Berliner Organisationstalent) auf neun Bücher stieß, die das – wunderschöne – ->Ex Libris von Rosa Manus aufwiesen. Neun Bände sind wenig mehr als nichts, aber es reicht doch für eine sehr schöne Geste: Im vergangenen Dezember wurden die Bücher in Amsterdam den Organisatoren von Atria überreicht, gewissermaßen als Geburtstagsgeschenk zum achtzigjährigen Bestehen des IAV.

Ein Schlusssatz à la Ende gut, alles gut verbietet sich an dieser Stelle. Zum einen sind die Morde und anderen Verbrechen der Nazis nicht wieder gut zu machen. Zum anderen bleibt ein Teil des Raubguts unauffindbar. Und der Kampf für Gleichberechtigung ist auch im Jahr 2016 nicht abgeschlossen. Nicht in den Niederlanden – wo man schon sehr weit ist – und nicht in der großen weiten Welt. Trotzdem ist das im Dezember Geschehene ein kleiner Sieg für die Sache des Guten.

 

doimlinque

 

 

* Noch bevor sie an der Rijks Hogere Burgerschool in ihrem Geburtsort Sappemeer (die später ihren Namen tragen sollte) zugelassen wurde, hatte sich die Jugendliche bereits zur Apothekerin ausbilden lassen, für den Fall, dass es mit der akademischen Laufbahn nichts werden würde. Es kam anders. Die erste tatsächlich praktizierende Apothekerin des Landes wurde dafür ihre ältere Schwester, Charlotte Jacobs.

** Aletta Jacobs war übrigens nicht die erste Hochschulstudentin der Niederlande. Diese Ehre gebührt der Humanistin Anna Maria van Schuurman***, die 1636 auf Geheiß des dortigen Professors Voetius – später vor allem berühmt als Widersacher großer Geister der Frühen Neuzeit wie Descartes und Spinoza sowie als hartnäckiger Leugner der kopernikanischen Wende – an der Universität von Utrecht Lesungen besuchen durfte. Abgeschieden von ihren männlichen Kommilitonen durch einen blickdichten Vorhang, versteht sich. Van Schuurman allerdings schloss ihr Hochschulstudium nie ab, das wäre dann schließlich zu viel des Guten gewesen. Insofern ist Aletta Jacobs rund 250 Jahre später doch noch eine Premiere gelungen.

*** Dieses Universalgenie, die in der Theologie, Entomologie und Linguistik reüssierte, die Gedichte veröffentlichte und Mitglied einer Malergilde war und die sich später in ihrem Leben einem Bataillon des Pietcong anschloss, wurde notabene in Köln geboren. Alaaf!

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30 Gedanken zu „Retourkutsche

  1. Diander

    Mijnheer, was für ein schöner, bogenspannender Blog. Es fällt mir gerade auf, was die letzten Monate zu vermissen war. Themen, auf die sonst kaum eine/r kommt. Schön, dass Du die Blogschublade wieder öffnest.
    Grüßle, Diander

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    1. dame.von.welt

      Anschließe mich und: danke. Hab’s sehr vermißt.

      Ist Ihnen (dem Weinbeeren-Dreigestirn) aufgefallen (oder vielleicht war das ja auch volle Absicht), daß die WordPress-Reinkarnation der Weinbeeren fast beinahe genau auf den Tag ein Jahr nach Ihrem Abgang (dem des Däumlings) aus dem Freitag stattfand?

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      1. doimlinque Autor

        Dank zurück. Und nein, war mir nicht aufgefallen. Allerdings habe ich selbst mich auch erst im Frühsommer abgemeldet. Ach, der Freitag… Kein Wort mehr darüber, außer: Der Kopf stinkt vom Fisch, oder wie das heißt.

        Gruß, d.

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      2. Diander

        Ach, ich habs gerade nachgeschaut, tatsächlich war unser letzter gemeinsamer Streich im Freitag Weihnachten 2014. Und eigentlich hatten wir noch für den Frühsommer einen weiteren in Arbeit. Gefühlt war die Zeit intern also kürzer, weil wir ja weiter hinter den Kulissen gewerkelt haben. Ergo war das ehrlicherweise Zufall mit dem einen Jahr (von einer inneren Uhr vielleicht abgesehen).
        Grüßle, Diander

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    2. doimlinque Autor

      Mörci.
      Wobei Dir nach all dem Formatieren mindestens Co-Autorinnenrechte zustehen. (Beinahe kenne ich mein eigenes Werk nicht wieder. Ich hatte über das Balzverhalten der Lemminge vor dem Sprung in die Tiefe referiert, und jetzt ist das wieder so ein Frauending geworden. Mann!)
      Tatsächlich hätte diese Rückgabeaktion durchaus etwas prominenter in den deutschen Medien geteilt werden können (wo wenigstens ich nichts davon mitbekommen habe). Ist doch eine schöne Sache, man muss das ja nicht derart auswalzen wie in diesem Blog. Passiert nicht alle Tage, dass sich eine öffentliche Institution in Sachen Beutegut so ordentlich verhält.

      Gruß, d.

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      1. Diander

        Kann man von den Formatier- und Co-Autorinnenrechten leben? Dann tät ich morgen nämlich meinem Chef die Kündigung auf den Tisch klatschen. Ja, mei, ich hab halt das Bild ein wenig abgeändert, vorher war da der olle Le(m)nin drin, das konnte so nicht bleiben. Im Ernst, Deine Zeichnungen sind sehr schön geworden, Applaus, Applaus. (WURDE EIGENTLICH SCHON MAL ERWÄHNT, DASS DIE BILDER IM BLOG EIGENKREATIONEN SIND, NIX COPY AND PASTE?) Falls es mal eng wird, ist Dir ein Stand als Portraitzeichner in Schwabing sicher.

        Und die Geschichte ist sehr bewegend. Vom Ende, der Bücherbeuterückgabe bis zum Anfang, den Frauen. Ich habe heute mal interessehalber beide Damen gegoogelt. Die Geschichte war mir völlig neu, nie gehört. Die Rückgabe der Bücher war zwar sehr Irrungen-und-Wirrungen-behaftet und wohl auch edel und ordentlich, aber noch eindrücklicher finde ich die Durchsetzungskraft beider Frauen.
        Grüßle, Di

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        1. doimlinque Autor

          Du meinst, ich sollte Dir von meinen üppig fließenden Bloggeldern einen Batzen abgeben? Ha! Darfst Du überhaupt schon wählen, Weib? Muckt die hier auf, ey…
          Die Geschichte hinter der Geschichte ist hier – wie so oft – das eigentlich Spannende, finde ich auch. Ich kannte von beiden nur Aletta Jacobs. Die hat zwar zu Lebzeiten nicht eine einzige staatliche Auszeichnung erhalten (dabei schmeißen die Royals hier jährlich mit so komischen Ansteckviechern geradezu um sich), inzwischen gibt es aber so manches, was an sie erinnert. Zum Beispiel die Aletta Jacobs Hall in Groningen, ein Vorlesungsgebäude der Uni, in dem ich vor etlichen Jahren sogar schon mal gewesen bin. Und ich bilde mir ein, dass ich dieses ikonische Bild von Rosa Manus, die ihren Wahlschein in die Melkkanne steckt, schon mal in der Zeitung gesehen habe.
          Schwabing, das sei noch erwähnt, könnte mir schon gut gefallen. Da müssten andererseits die Bloggelder noch deutlich üppiger fließen, um auch nur die Reise dorthin stemmen zu können. An Monatsenden wie diesen sehe ich immer nur rot.

          Gruß, d.

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          1. Diander

            Statt zu einem Ansteckviech hat Aletta Jacobs es spannenderweise zu einem Twitteraccount geschafft: -> https://twitter.com/AlettaJacobs
            Darin verlinkt, auch zu einem eigenen Grafitti -> https://pbs.twimg.com/media/CSABzKTU8AA3WiD.jpg
            Und, pssst, sie erinnert in dem Account an viele weitere spannende Frauen, u.a. an den Geburtstag von Jane Austen. Ha.

            Und weiter psst, Schwabing ist auch nicht mehr das, was es mal war. Die hippen Viertel sind heute eher anderswo, Richtung Glockenbach, Schlachthofviertel oder Westend.

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            1. doimlinque Autor

              Einen Twitteraccount, toll. Ohne jetzt hier eine Grundsatzdiskussion über den Nutzen oder Unnutzen von Twitter vom Zaun brechen zu wollen, finde ich das in diesem Fall beinahe ein bisschen übergriffig. Vor allem kann Jacobs sich nicht mehr wehren, wenn da auf wen auch immer verwiesen wird. Ich weiß nicht, bin da skeptisch, nicht nur, weil die Accountmacher offensichtlich keinen literarischen Geschmack haben.

              Selber pssst, mein Bart ist inzwischen wieder ab, die schönen Hipstertage sind nun zu Ende. (Es wurde da immer so dran rumgezerrt.) Abgesehen davon bin ich nicht sicher, ob die Reise ins Glockenbachviertel so drastisch billiger wäre. Und die Pinakotheken bleiben auch weiterhin ein Schwabing-Pfund.

              Gruß, d.

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              1. Diander

                Dieser Twitteraccount ist tatsächlich strange, keine Frage.

                Um den Bart ist es ein wenig schade. Aber nun sind ja die Musketiere auch endlich geschrieben, also entfiel auch die Geschäftsgrundlage für den Bart. Schaumermal, was der nächste Lesestoff birgt, 3-Tage-Bart war wohl in der Zeit nicht angesagt. Schnauzer?

                Zu München: die Preisfrage ist keine relevante, der ganzen Innenstadtbereich ist verhunzt. Und die Pinakotheken und der Rest der alten Hütten sind aus beiden Richtungen ziemlich gleich gut zu erreichen. Aber geh nur nach Schwabing, das BWL-Gschwerl hat mehr Geld für Portraits als die Künstler, die mittlerweile Richtung Süden gezogen sind.

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                1. doimlinque Autor

                  Bei BWL-Gschwerl kann ich mitreden, das beinhaltet nämlich meine komplette Kollegenschaft. Darum weiß ich, dass die zum einen gar nicht über so viel Geld verfügen – das beträfe wenn dann die höheren Chargen – und dass sie zum anderen ein gen Null tendierendes Interesse an grafischer Kunst haben. So viel dazu.

                  Und Schnauzer? Seriously? Die 80er waren schon in den 80ern scheiße, warum sollte das jetzt besser sein? Abgesehen davon war ein Oberlippenbart wie Du weißt Teil des soeben abgesäbelten Ensembles. In erkältungsschwangeren Wochen wie diesen kommt da noch das laufende-Nase-Problem hinzu, es ist einfach unschön.

                  Ich habe noch ein wenig über diese Twittersache nachgedacht und bin da glaube ich wirklich kein Fan von. Wenn Du Dir nur überlegst, was für ein Gschwerl nach der Silvesternacht plötzlich alles seine frauenbewegte Seite entdeckt hat und wie herablassend vereinnahmend die zum Teil auftreten. Das ist natürlich ganz etwas anderes als im von Atria betriebenen Jacobs-Account, aber trotzdem wird auch dort -finde ich- ein wenig an ihrer Souveränität geknabbert. Und das geht so gegen alles, wofür sie sich eingesetzt hat. Will mir scheinen. Sei’s drum…

                  Gruß, d.

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  2. anchesa69

    Wunderbar, wieder ein echtes Schmuckstück. Ich liebe diese spannenden Werke, die wie aus dem Nichts Geschichte herbeizaubern, von der ich (und sicher viele Andere) noch nie gehört haben. Das ist nicht nur Geschuichte, die Du uns nahebringst, sondern eben Geschichte interessant gemacht.
    Vielen Dank dafür.

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    1. doimlinque Autor

      Na komm, Du hast wohl einen Superlativschuppen ausgeraubt, wie? Vielen Dank. Ich schreibe eigentlich immer zuallererst für mich selbst, insofern kann ich ehrlich sagen: gern geschehen.

      Gruß, d.

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  3. dame.von.welt

    Noch sone Heldin-> Hope Bridges Adams Lehmann

    Dass Hope Bridges Adams Lehmann ihr Studium überhaupt aufnahm, grenzt an ein Wunder. Ihr Hirn: unfähig. Ihr Geist: zu schwach. Ihre Entscheidungen: zu langsam. Ihr Körper: höchstens zur Arbeit als Hebamme imstande. So sahen das zum Ende des 19. Jahrhunderts zumindest die meisten ihrer zukünftigen Kollegen. …

    Sie kommt als Hope Bridges Adams am 17. Dezember 1855 in Hallifort, nahe London, zur Welt. Hope ist die jüngste Tochter des angesehenen Eisenbahnkonstrukteurs und Sozialisten William Bridges Adams, eines Mannes, der sich unter anderem für die frühen radikalen Feministinnen engagiert. Schon als Kind schenkt er Hope gesellschaftskritische Romane und schickt sie auf das erste Frauen-College in England, Bedford. Das wissbegierige Mädchen stößt dort erstmals an Grenzen: Frauen dürfen kein Latein lernen. Ohne Latein kein Abitur, ohne Abitur kein Studium. Der Vater übt auf eigene Faust mit seiner Tochter. …

    Im Deutschen Ärzteblatt heißt es 1890: „Es wird kaum geleugnet werden können, daß von dem heutigen Geschlechte junge Mädchen aller Stände nur eine verschwindende Mindestzahl den Anstrengungen – nicht einmal des ernsten Studiums, keineswegs den Strapazen ärztlicher Praxis – gewachsen sein wird.“ … Als einzige Frau hat sie es nicht leicht. Um weniger aufzufallen, kleidet sie sich wie die Männer. Von ihren Kommilitonen wird Hope dennoch gemobbt. Immer wieder findet sie nach der Vorlesung ihren Hut mit Gips befüllt.

    ff.

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    1. doimlinque Autor

      Hallo Dame,
      vielen Dank für das Fundstück und Entschuldigung für die krankheitsbedingt verzögerte Antwort. Das Muster bleibt sich eigentlich immer gleich – dass da eine starke Persönlichkeit mit Hilfe einiger weniger Unterstützer festgezurrte Strukturen durchbricht oder zumindest umgeht. Finde ich ziemlich spannend, dieses individuelle Moment, das das System in Bedrängnis bringt.
      Ich habe schon seit ewigen Zeiten etwas schreiben wollen über ->
      Aenne Liebreich, weil ich eine sozusagen nostalgische Verbindung zum kunsthistorischen Institut in Kiel habe. Und dann sehe ich jetzt, dass vor fast genau einem Jahr ein Stolperstein für sie in Kiel verlegt worden ist, keinen Kilometer entfernt von der Straße, in der ich jahrelang gelebt habe. Ich fahre – aus Protest – nicht mehr nach Kiel, aber das würde mich doch noch einmal reizen zu sehen.

      Gruß, d.

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      1. dame.von.welt

        Guten Morgen,
        na, dann paßte die Ärztin ja bestens…;-)…und ich hoffe, Sie sind wieder genesen!

        Ich hatte eigentlich und ursprünglich bei Ihrem Blog an noch eine andere Heldin gedacht, nämlich Dr. Jenny Springer, deren 1500-Seiten-Werk ‚Die Ärztin im Hause‘ mir mal zugelaufen ist (das eine Menge Aufschluß über die Abgründe der Berliner Zille-Zeiten gibt). Über ihren Lebenslauf läßt sich aber nur wenig finden, einen-> kleinen Artikel gibt’s in der Datenbank der Charité.

        In der Frage der Berufstätigkeit der Frauen vertrat sie die Ansicht, daß Ehefrauen und Mütter der Belastung des Arzt- oder Lehrerinnenberufs nicht gewachsen seien.

        Ich weiß ja nicht, ob „das System“ durch einzelne gebildete und berufstätige Frauen je auch nur in die Nähe einer Bedrängnis geriet. Frauen knapp oberhalb des lieben Viehs zu halten und vor allem: ihnen jeden Geist abzusprechen, ist ein schon ziemlich umfassendes und zählebiges System. Mir scheint eher, daß „das System“ eine unvorstellbare Zahl von Frauen in Bedrängnis brachte.

        Und bringt: einer der ältesten Frauenberufe überhaupt ist die Hebamme und was Hexenverfolgung, Hospitalisierung von Geburten (inklusive Massensterben an Kindbettfieber, bis Semmelweis das Händewaschen erfand) und Mißbrauch des Berufs zur Aufspürung von „unwertem Leben“ im 3.Reich nicht schaffte, das schafft man heute mit Hilfe einer nicht mehr bezahlbaren Versicherung.

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        1. doimlinque Autor

          Uff, jetzt zwingen Sie mich hier auch noch zum Nachdenken. Irgendwann wird sich das rächen :-)

          Hmm… Ich würde vielleicht zuerst noch einmal versuchen, „das System“ hermeneutisch ein wenig zu umkreisen. (Klassisch männlich, ich weiß, aber es redet sich sonst so ins Ungefähre.)

          Ein Netzwerk von – formellen und informellen – Strukturen, das zunächst dem Machterwerb einer bestimmten Gruppe von Menschen dient und weiterhin die Distribution von Macht durch diese Gruppe gewährleisten und vor allem den Machterhalt dieser Gruppe absichern soll.

          Oder so ähnlich. Kürzer bekomme ich es wohl nicht hin, ist auch so schon grob und schwammig genug. Ich bin nicht sicher – und eher skeptisch –, ob es Gesellschaften gab, gibt oder jemals geben wird, die ohne derlei „System“ auskamen oder -kommen. Prinzipiell ist ein solches Gerüst farbenblind in alle Richtungen, d.h. geschlechtsspezifisch, ethnisch, religiös und was der soziologischen Marker mehr sind erst einmal neutral, würde ich denken. De facto wird aber natürlich ein solches Netzwerk immer von einer ganz bestimmten Gruppe mit ganz bestimmten Markern eingerichtet, die davon über Generationen hinweg profitiert. Und das in diesen Breiten seit Jahrtausenden alle anderen Subsysteme in den Schatten stellende Machtverteilungs- und -erhaltungssystem ist das der weißen Männer (mit allerlei innersystemischen Abstufungen).

          So weit, so schematisch. Und dann wäre ich mit Ihnen einig, dass einzelne diesem Netzwerk kaum jemals substanziell etwas anhaben können, „in Bedrängnis bringen“ war entsprechend nicht gut und auf jeden Fall zu euphorisch formuliert. Trotzdem würde ich das gerade Geschriebene sofort wieder relativieren wollen, denn das ist ja gerade das – wenigstens für mich – so Spannende, dass es doch Personen gibt, die sozusagen gegen das System Erfolg haben und deren Erfolg nach und nach einzelne Eckpfeiler des Systems einknicken lassen kann. Platt gesagt: Dass Frauen inzwischen selbstverständlich wählen können, kommt eben nicht von ungefähr. Oder studieren dürfen, Berufe ausüben dürfen etc. Sicher steckt da nicht immer nur ein kluger Kopf dahinter, aber ohne die einzelnen klugen (und/oder mutigen Köpfe) wäre nüscht passiert. Und ich würde das alles – Frauenwahlrecht und Gedöns – zum einen tatsächlich als Fortschritte werten und zum anderen sind das doch eindeutig Entwicklungen, die das von weißen Männern errichtete System zumindest angreifen. Ansonsten wären Geschichten wie die von Aletta Jacobs et al. nur genau das: schöne Geschichten. (Ich glaube, an genau der Stelle nehme ich Anstoß an Ihrem Kommentar, weil es so ein bisschen klingt wie bringt doch eh‘ nix. (Auch wenn ich sicher bin, dass Sie das nicht so meinen.))

          Freilich bin ich wiederum einer Meinung mit Ihnen, dass es da nicht aufhört, und dass das System (dieses Drecksbiest) sich als zählebig und vor allem als wandlungsfähiger erweist, als es einem lieb sein kann. So scheint mir heute das Antlitz des Systems insgesamt etwas weniger männlich und etwas weniger weiß zu sein, aber nach unten getreten wird trotzdem weiterhin fleißig. Gruppen werden gegeneinander ausgespielt zum Vergnügen der oberen paar Prozent und und und. Ach, ich weiß es doch auch nicht, und ich würde mich auch nicht als Grundoptimisten bezeichnen, aber ein klein wenig Gleichberechtigung scheint mir schon auf den Weg gebracht worden zu sein. Wie dem auch sei…

          Danke für den Springerverweis. Ich bin tendenziell eher arztophob, mir ist der gesamte Berufsstand nicht wirklich geheuer. (Ist blöd und ungerecht und kindisch, ich weiß.) Aber – das ist mir auch bei Aletta Jacobs wieder aufgefallen, die wöchentlich eine kostenlose Sprechstunde in einem der Arbeiterviertel in Amsterdam abhielt – man kann am Zustand der medizinischen Versorgung wahnsinnig tiefe Einblicke gewinnen in die Verfasstheit einer Gesellschaft. Insofern glaube ich Ihnen die Sache mit den Abgründen der Zille-Zeiten gern.

          Die Sache mit den Hebammen ist, wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, in unserem schönen Nordwesteuropa vor allem ein Problem der deutschen Gesellschaft. Anderswo regelt man das besser.

          Gruß, d.

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          1. dame.von.welt

            Hm, ich räche mich auch bald mal fürs Nachdenkenmüssen…;-)…

            These: Systeme, die nur dem Machterhalt und den Privilegien einer kleinen Gruppe (wie – Beispiel – dem alten weißen Mann) dienen, sind vermutlich ziemlich kurzlebig, oder?

            Kurzlebigkeit kann man dem Patriarchat nun nicht gerade vorwerfen. Insofern müssen noch ein paar mehr als nur die alten weißen Männer davon profitieren.

            Es ist ja nicht ganz unbequem, das Mammut bratfertig in die heimische Höhle geliefert zu bekommen, wenn der dicke Schwangerschaftsbauch und die zwei noch zusätzlich am Fellsaum hängenden lieben Kleinen eine am Mammutjagen hindern. Es ist wahrscheinlich nicht mal immer und unbedingt unangenehm, nicht selber denken und nix entscheiden zu müssen. Immer vorausgesetzt, der alte weiße Mann trifft die richtigen Entscheidungen.

            Ins Unreine: könnte es sein, daß das Patriarchat erst ins Gerede kam und in Bedrängnis geriet, als der beinhaltete Patriarchenvertrag (Nahrung, Schutz und die Schaffung weiterer Bedingungen zur erfolgreichen Aufzucht der Gören) nicht mehr gut genug erfült wurde?

            Mit ‚*bringt doch eh‘ nix*‘ hat das alles nicht viel zu tun, mich interessiert vielmehr, warum das Patriarchat so langlebig ist und warum die bekannten Matriarchate (Mosuo, Minangkabau, Irokesen usw.) wahrscheinlich nicht für so komplexe und hierarchisch organisierte Gebilde wie Staaten funktionieren würden.

            Btw: im schönen Südwesteuropa (Spanien) muß man freie Hebammen mit der Lupe suchen, gibt’s nur da, wo Niederländer und Deutsche in hinreichender Zahl zu finden sind. Weil: Franco erließ irgendwann ein Gesetz zur Senkung der Mütter- und Kindersterblichkeit und verlegte Geburten rigoros ins Krankenhaus. Ich weiß nicht, ob sich daran inzwischen etwas geändert hat, aber noch vor wenigen Jahren mußte man beim Wunsch Hausgeburt sogar den Arzt belügen: ‚Hab’s nicht mehr ins Krankenhaus geschafft‘.

            Grüße zurück!

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            1. doimlinque Autor

              Selber Hm!

              Also, zunächst einmal weiß ich gar nicht, ob die (Kern-)Gruppe so klein wirklich ist/war. Die längste Zeit hindurch stellten weiße Männer – das alt haben Sie hinzugefügt – hierzulande immerhin knapp die Hälfte der Bevölkerung. (Alte Männer gehen nicht mehr zur Jagd, die bleiben auf ihrem Mammutfell liegen und lassen sich die ergrauten Brusthaare kraulen.)

              Aber prinzipiell haben Sie latürnich recht, so ein System funktioniert nur so lange wirklich gut, wie eine kritische Masse an Menschen sich ganz gut damit arrangieren kann. Zuckerpeitsch und Brote! Da schießen mir jetzt ganz viele Sachen in den Kopf, die dabei helfen, die einzelne oder den einzelnen nicht an den Verhältnissen rütteln zu lassen: Bequemlichkeit, abstrakte Angst, die Unfähigkeit, sich andere Verhältnisse vorzustellen, die diversen Opiate des Volkes bzw. für das Volk, physische Gewalt oder zumindest deren Androhung usw.
              Es ist ein beständiges Abwägen, und wenn frau sagt Yo, kann ich (gut) mit leben, sind die Verhältnisse wieder ein wenig mehr zementiert.

              Das finde ich einen interessanten Gedanken, dass Frauen erst aufgemuckt haben, als das (sinnbildliche) Mammut nicht mehr filetiert vor ihnen lag, Männer also nicht mehr die richtigen Entscheidungen getroffen haben. (Den entsprechenden Zeitpunkt einzukreisen, wäre auch spannend.) Das wird mit Sicherheit eine große Rolle spielen, andererseits glaube ich nicht, dass Männer vorher ausschließlich die richtigen Entscheidungen getroffen haben. So toll sind wir jetzt auch wieder nicht. Ich denke, es kommt auch noch etwas anderes hinzu, nämlich der Wille, selber denken und selber entscheiden zu wollen und die folgende Feststellung, dass das System das so ohne weiteres nicht toleriert. Gewachsene Aufmüpfigkeit, sozusagen, der Mut, die männlichen Entscheidungen – ob gut oder schlecht – ganz grundsätzlich zu hinterfragen.

              So oder so ist ein erfolgreiches System nicht starr und es ist auch ganz offensichtlich nicht alles schlecht. Man kann neuerdings sogar Bundeskanzlerin werden.

              Bei genauerer Betrachtung aber schrumpft die Gruppe derjenigen, die wirklich profitieren – indem sie nämlich andere ausbeuten – doch relativ drastisch. Und sie schrumpft weiter und die Schnittlinien verlaufen schon lange nicht mehr exklusiv zwischen Männlein und Weiblein. Die Ungleichheit nimmt jedenfalls zu, und damit theoretisch auch die Masse der mit dem System Unzufriedenen. Jedenfalls bilde ich mir das ein.

              (Glücklicherweise war mein Modell abstrakt genug, das alles in sich aufnehmen zu können. Ich brauche also nichts zurückzunehmen, phew…)

              Matriarchate, darüber muss ich mir jetzt auch noch Gedanken machen…? Ihr habt halt nicht geliefert, das Mammut war immer schon ranzig, wenn es endlich auf meinem Teller gelandet war. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

              Ich hatte in puncto Hebammen mit Bedacht Nordwesteuropa abgegrenzt, mit den Südwestlern kann man uns nicht vergleichen. Im Ernst, was Sie für Spanien beschreiben ist schlimm, aber es sind eben wirklich andere Voraussetzungen als im Nordwesten. Und da geht Deutschland tatsächlich einen kümmerlichen Sonderweg, das hatte ich ausdrücken wollen.

              Gruß, d.

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              1. dame.von.welt

                Matriarchate, darüber muss ich mir jetzt auch noch Gedanken machen…? Ihr habt halt nicht geliefert, das Mammut war immer schon ranzig, wenn es endlich auf meinem Teller gelandet war. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

                Nein, über Matriarchate müssen Sie sich selbstredend keine eigenen Gedanken machen, dafür haben Sie ja mich zum Liefern…;-)…

                ->„Männer leben besser, wo Frauen das Sagen haben“
                ->Männer? Nur für die Nacht!
                ->Stolz darauf, Frau zu sein
                ->Die Welt der Minangkabau (<-auf dieser Website finden Sie u.a. Definitionen von Matriarchat und Patriarchat und jede Menge weitere Hintergrundinformation)
                ->Indonesien: Matriarchat der Minangkabau
                ->Islam’s Secret Feminists
                ->Im Reich der Mütter (der Artikel zeigt sehr schön die Schwierigkeiten, Matriarchate aus einem patriarchalen Verständnis heraus auch nur zu beschreiben)

                Und weil ich gerade bei den Müttern bin: ->Von Müttern, extrem lesenswertes Buch!

                Matriarchate sind keine Patriarchate andersrum, wie in ->Die Töchter Egalias beschrieben. Im Unterschied zum Patriarchat sind Matriarchate friedliche Konsensgesellschaften, in denen die Kinder beim Mutterclan sind und bleiben, die Familienlinien weiblich fortgeschrieben werden (Mütter stehen schließlich fest, Väter nicht unbedingt) und Landbesitz an die Töchter vererbt wird. Männer haben durchaus ihre Aufgaben, z.B. den Clan nach außen (Patriarchat) zu repräsentieren und ihn ggbfs. zu verteidigen, Geschäfte zu tätigen, u.U. zu jagen und sehr viel zu faulenzen und zu vögeln. Für die Qualität Ihres Mammuts wären Sie also nach wie vor selbst verantwortlich, die Qualität Ihres Sexuallebens würde sich wahrscheinlich steigern.

                Mit Matriarchaten ist aber wahrscheinlich kein Staat und schon gar kein Raubtierkapitalismus zu machen, dafür sind die Hierarchien zu flach, Macht- und Besitzanhäufungen einzelner Personen erscheinen absurd und vor allem: Konsensdemokratie ist anstrengend und dauert länger als Durchregieren.

                Die Zähigkeit des Patriarchats erkläre ich mir durch das allgemeine Festgekralle an dem klein bißchen Macht, daß sich jeder und jede in steilen Hierarchien erkämpfen muß und das meistens mit nach-oben-buckeln und mit nach-unten-treten verbunden ist, im kleinen Privaten wie im großen Öffentlich-Politischen. Buckeln und Treten sind ja tages- und lebenfüllende Beschäftigungen. Im besseren Fall findet diese Ermächtigung durch Erfindungen oder andere Innovationen statt, was ein weiterer Pro-Punkt für die Zähigkeit des Patriarchats sein könnte.

                Die Sollbruchstelle patriarchaler Schutzfunktion, bzw. die Kündigung des Vertrags liegt womöglich im Gedanken, daß Frauen Menschen und Bürger sind, also nicht allzu lange nach Olympes de Gouges. Gepaart mit der industriellen Revolution, in deren Rahmen nicht mehr nur hauptsächlich Männer gegen Entgelt arbeiteten, sondern auch zunehmend viele Frauen (und Kinder). Der Tauschwert von Arbeitskraft gegen Geld wurde durch Industrialisierung und Automatisierung verringert, die Zahl der Erwerbsarbeitskräfte aber gesteigert, nix mehr mit wenn-Dein-starker-Arm-es-will.

                Die Ungleichheit nimmt jedenfalls zu, und damit theoretisch auch die Masse der mit dem System Unzufriedenen.

                Ungleicher als im Absolutismus oder im Konfuzianismus?
                Um unzufrieden zu sein, muß ja erst mal eine gedankliche Möglichkeit existieren, den ererbten Platz in einer Gesellschaft verlassen zu können. Unsere Gesellschaft ist viel gleicher geworden, gleichzeitig aber die Welt ungleicher. Mir hat’s die Schuhe ausgezogen, daß 62 Menschen soviel besitzen wie 3,5 Milliarden. Die Privilegierteren unter ihnen verlassen derzeit vermehrt ihren ererbten Platz, es gibt über 60 Millionen Flüchtlinge weltweit. Wer richtig schlimm arm ist, kann nicht fliehen, sondern stirbt, ohne Schlagzeile. Und hier faselt man schon vom „Volkstod“, wenn ein Achtzigstel hinzukommt.

                In unseren Gesellschaften wirkt gleichzeitig die protestantische Arbeitsethik nebst Folgen. Jede/r, der hier unterprivilegiert ist, glaubt ja gleichzeitig, selbst daran schuld zu sein. Deswegen versammeln sich auch keine Millionen an jedem Montag vor den Jobcentern und dem Parlament und brennen beides nieder. Sondern H4-Empfänger sitzen schön alleine und verzweifelt über die eigene Überflüssigkeit und das eigene Versagen zuhause auf der Couch. Oder sie treten – dankbar für mehr Hierarchie – auf das besagte Achzigstel oder schlagen Frau, Mann und/oder die Kinder. Das geht bei den besorgniserregenden Bürgern auch in der Mittelklasseversion, dann kommen die H4-Empfänger zu Füßen noch dazu.

                Aber ich schweife ab…

                (falls mit den links was schiefgegangen ist, würde bitte jemand reparieren? Ich nehme sowieso an, daß der Kommentar in der Mod-Schleife hängen bleibt, da zu viele links für WordPress)
                repariert, Diander

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                1. doimlinque Autor

                  Haha, Ihre Rache kam schnell und war wie befürchtet erbarmungslos. „In Linkgewittern“ heißt ja glaube ich dieser alte Weltkriegsschmöker, so ähnlich nimmt sich jedenfalls Ihr Kommentar aus.

                  Die Reise in den gebirgigen Südwesten Chinas habe ich schon mal gebucht, irgendwo muss man seinen Hut ja hinhängen. (Einzig der Umstand, auf ewig und Gedeih mit der Mutter zusammenleben zu müssen, schockt mich ehrlich gesagt ein wenig.)

                  Nachdem ich jetzt also eine Dissertation zum Thema Matriarchat schreiben könnte, muss ich doch sagen: Ich weiß nicht, ich weiß nicht… Es liegt natürlich zum überwiegenden Teil daran, dass mir einfach die Vorstellungskraft für vollkommen anders kodierte Gesellschaften fehlt und dass ich gleichzeitig in alter Betriebsblindheit die eigene Kodierung höchstens annähernd durchschaue, aber diese komplett nach Geschlecht durchgetakteten Gesellschaften (Frauen sitzen dort, Männer tun dies, Frauen machen am 15. Geburtstag diesen Stuss, Männer haben auf gar keinen Fall jenen Stuss zu denken) sind mir – faulenzen und vögeln hin oder her – irgendwie suspekt. Wenn ich nun aber nicht will? Oder gerade doch? Ich kann es mir wie gesagt schwer vorstellen, jedenfalls scheint es mir auch kein Idealzustand zu sein.

                  Und dann bin ich auch nicht sicher, ob tatsächlich jede negative Entwicklung sogenannter westlicher Gesellschaften originär den patriarchalischen Strukturen anzulasten ist. Oder ob es da nicht – siehe oben – manchmal auch so ist, dass es uns als Mitgliedern dieser Gesellschaften so scheinen will, weil wir eben nun einmal in einem Patriarchat leben und negative Entwicklungen in diesem einen Kontext wahrnehmen. The grass is always greener usw. Soll keine Verteidigung des Patriarchats sein.

                  Dann das Festgekralle an der Macht. Ja, sicher, und ich teile auch das dahinterstehende, sagen wir mal: skeptisch-pessimistische Menschenbild. Trotzdem glaube ich, dass es auf der Anreizseite für ausreichend Menschen schon noch mehr geben muss, als die Befriedigung, mal wieder ordentlich nach unten ausgeteilt zu haben. Aber wir müssen da auch nicht weiter ins Detail gehen.

                  Frauen sind Menschen und Bürger? Bitte, so weit sollten wir wirklich nicht gehen!

                  Ungleicher als Absolutismus und Konfuzianismus, hm. Ich würde sagen: Ja und nein. Gar so viel individuelle Macht hatten absolutistische Herrscher dann auch wieder nicht und auf den Raubtierkapitalismus haben in dem Dreigestirn auch unsere famosen modernen Demokratien das Monopol. Ist aber am Ende auch irgendwie müßig, da eine genaue Reihenfolge festlegen zu wollen. Was ich meinte: Im hier und heute wird die Ungleichheit größer, mehr oder weniger täglich. Nicht nur weltweit, wie Sie ausführen, sondern auch in Deutschland. Da kann man gerne anderer Meinung sein.

                  So, ich muss jetzt kochen. Das wurde mir aufgetragen und als protestantischer Arbeitsethiker halte ich mich da selbstredend dran. Morgen dann China.

                  Vielen Dank für Ihre Kommentarmühe. (Und vielen Dank, Di, für die Flickschusterei.)

                  Gruß, d.

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                  1. dame.von.welt

                    Nix erbarmungslose Rache, Steinbruch und auch das nur bei Interesse.

                    Mir wurde aber schon mal nachgesagt, daß ich Kontrahenten in einem Aralsee aus links ersäufe.
                    Wie gut, daß Sie, lieber Däumling, kein Kontrahent sind, n’est ce pas? #fiesgrins

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                    1. doimlinque Autor

                      Kontrahent? Im Gegenteil! Ihnen wird die ehrenvolle Aufgabe zufallen, meine Dissertation (Arbeitstitel: „Deine Mudda“) zu gegebener Zeit gewissenhaft gegenzulesen und vor allem den Literaturapparat ein wenig aufzupeppen. #hehehe
                      Neinnein, das war schon ernstgemeinter Dank wegen der Kommentarmühe.

                      Gruß, d.

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                    2. dame.von.welt

                      Könnten Sie zustimmen, daß die Ungleichheit in Deutschland *wieder* größer geworden ist?
                      Ich zumindest leide unter der Sozialisation in den 60/70ern, als die Welt irgendwie hoffnungsvoller schien, als *Chancengleichheit* mal ein wichtiges Stichwort war und es für eine kurze Weile fast so aussah, als würde man den Gesellschaften skandinavischer Staaten nacheifern wollen. Keine gute Dramaturgie, wenn’s bergab geht.

                      „Meine Mudda“ wollen Sie noch nicht mal kurz im öffentlichen Raum treffen, word!

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                    3. doimlinque Autor

                      Der rheinische Kapitalismus scheint zumindest in der Rückschau in der Tat nachgerade paradiesisch. (Persönlich glaube ich ja, unser Niedergang hängt eng damit zusammen, dass wir heuer diese Ostnasen mit durchfüttern müssen. Nur dass ich das niemals öffentlich kundtun würde.) Wenn man sich nur überlegt, was für Maßnahmen unter „sozialdemokratischer“ Ägide in diesem Jahrtausend durchgepowert worden sind, wirken im Vergleich dazu so ziemlich alle Unionspolitiker – auch die bairischen – der unmittelbaren Nachkriegsjahrzehnte wie feurige Hardcore-Kommunisten. Komische Welt. Aber ich klinge schon wie ein zotteliger alter Seemannsgarnspinner, dabei habe ich in Südchina noch große Pläne.

                      Zwischen den Zeilen meine ich herauszulesen, dass sie bei der Wohnung-ewig-mit-der-Mutter-teilen-Klausel wenigstens auch ins Stocken geraten. Irgendwie beruhigend, an der Stelle nicht der einzige zu sein.

                      Gruß, d.

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                    4. dame.von.welt

                      Wohnung-ewig-mit-der-Mutter-teilen-Klausel
                      Hmnuja, *meine Mudda* ist ein geradezu klassisches Beispiel für Überforderung mit Mann, 3 Gören, ihrem Perfektionismus und unerträglicher Unterforderung in einer ebenso klassischen Hausfrauenehe, Modell West.

                      Sie wäre vermutlich ein wesentlich angenehmerer Mensch und eine damit möglichere Kandidatin für die WG, hätte sie ihre Lust an der Macht in Form einer Karriere in der Außenwelt erprobt.
                      In einem Matriarchat hätte sie wahrscheinlich die sie verletzenden und verhärtenden Erfahrungen als Kind gar nicht erst gemacht, geschweige denn, sie multipliziert weitergereicht, hätte, hätte, Fahrradkette…
                      Aber für mich war es eine interessante (und mich etwas versöhnlicher stimmende) Erkenntnis, daß meine Mutter wahrscheinlich eine ziemlich erfolgreiche Karrierefrau hätte sein können.

                      Was einer der Gründe ist, warum mich Frauen wie Aletta Jacobs, Hope Bridges Adams Lehmann, Jenny Springer so faszinieren. Auffallend an ihren Biografien ist, daß alle mindestens eine/n hatten, der/die an sie geglaubt hat und zwar gegen den Rest der Gesellschaft. Dazu gehört Liebe und freier Geist. Für meine Mutter tut es mir leid, denn sie hatte von beidem nie genug. Mein Bruder (der Jüngste) ist der einzige von uns drei Geschwistern, der mit einigermaßen heiler Haut davongekommen ist und der ist ein Guter geworden, auch ein guter Mann und ein guter Vater. Die beiden erstgeborenen Töchter waren in meiner Familie bei weitem nicht so ersehnt und erwünscht. Meine jüngere Schwester und ich dienten meiner Mutter eher als Versuche, sich selbst in besser zu bekommen und wir haben beide nie geheiratet und sind kinderlos geblieben, aus Gründen.

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                    5. doimlinque Autor

                      Ach Dame, ich hatte frühmorgens nur flapsig in den Äther geschrieben… Sie mussten das nicht so ausführen, aber das wissen Sie selbst.

                      Gut, Matriarchat schlägt klassische Hausfrauenehe, Modell West. Und die Sache mit der Unterstützung – ja, natürlich. Ohne Liebe und freien Geist wird es düster, im Zweifelsfall wird man die außerhalb der eigenen Familie finden müssen. Wenn man sie gar nicht findet, wird es ganz düster. (Es können übrigens auch beruflich erfolgreiche Mütter ihre Macken haben, sage ich ganz unverfänglich.) Aber bevor ich weiter küchenpsychologisiere, werde ich mich in einen schneeverregneten Sonntag stürzen. Immer nur online ist auch keine Lösung.

                      Gruß, d.

                      Gefällt mir

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