Abgewichst revisited

Das kleine Büchlein The Poetical Works of Alexander Pope, erschienen 1927 bei MacMillan and Co., Ltd. in London, wird mit einem Vorwort von Sir Adolphus William Ward eingeleitet. Der erste Halbsatz dieser sogenannten ‚Introductory Memoir‘ lautet wie folgt: „Very wonderful is the vitality of names…“, frei übersetzt etwa: „Wie wunderbar ist die Lebendigkeit der Namen…“ Sir Adolphus referiert hier, der spätere Kontext erschließt und der anspielungsreiche Name Pope legt es obendrein nah, tatsächlich auf Eigennamen. Sicherlich aber kann das Dictum ausgeweitet werden auf die Gruppe der Nomina insgesamt, auf das also, was wir in der Grundschule Namenwörter nannten. Die Lebendigkeit der Namenwörter – in diesem Sinne könnte es wohl kaum eine schönere und treffendere Einleitung zu einem Gedichtband geben.

Verharren wir aber für heute bei den Eigennamen und werfen wir gleichzeitig einen Blick zurück ins Jahr 1890. Damals nämlich übernahm ein gewisser Lunsford Richardson II. die Hälfte der Anteile an der Apotheke seines Schwagers Dr. Joshua W. Vick in Greensboro, North Carolina. Der junge Lunsford war ein begabter Pharmazeut und angeblich geht die Erfindung von 21 Medizinprodukten, die im Wesentlichen auf einer Mixtur von Rizinusöl, Liniment und Wurmmittel basierten, auf seine Initiative zurück. Vertrieben wurden die Hausmittelchen zunächst unter dem Namen Vick‘s Family Remedies, aus Dankbarkeit seinem Partner gegenüber oder weil dieser es sich ausbedungen hatte, die Historie verschweigt die Umstände. Was folgte, war eine dieser typischen amerikanischen success stories. Spätestens mit der Spanischen Grippe im Winter 1918/19 gingen die Verkaufszahlen der Greensboroschen Arzneien ab wie Schmidts Katze. Long story short, 1985 wurde die Marke dann für einen hohen Erlös an den Pharmariesen Procter & Gamble verkauft. Der Slogan, mit dem die Wundermittel beworben werden, lautet übrigens „The only thing more powerful than a mother’s touch“, aber dazu später.

Im deutschsprachigen Raum ist man bereits seit 1954 präsent, allerdings unter einem leicht abgewandelten Brand. Wir alle sind erwachsene Menschen, es muss daher wohl nicht erläutert werden, warum Vick’s im deutschen Kontext in der Tat eine höchst unglückliche Namenwahl gewesen wäre. Einmal laut vorsagen, und die Sache dürfte klar sein. Die Verantwortlichen strichen also das s, standen weiterhin aber vor dem Problem, dass einige Sprecher des Deutschen das V im Anlaut konsequent wie ein F auszusprechen pflegen. Vick mit F-Laut ausgesprochen ergibt nun aber ein Wort, welches für das Marketing von Erkältungssalben ebenso ungeeignet erschien, wie vorher das Vick’s. Kurzum, aus Vick’s wurde Wick, und alle waren es zufrieden. Bei Groß-Gerau im Hessischen entstand eine große Produktionsstätte, die man von der A67 aus im Vorbeifahren erblicken kann.

___.___

Einmal führten mich die Trampelpfade des Lebens für einige Zeit nach Italien, genauer nach Mailand. Ich bezog Quartier in einem Studentenheim am Piazzale Loreto, genau an dem Ort – das sei hier in Klammern eingefügt – wo im Frühjahr 1945 Benito Mussolini mit seiner Geliebten, nachdem sie beim Fluchtversuch in die Schweiz gefangengenommen und anschließend standrechtlich erschossen worden waren, für einige Tage kopfüber an einer Tankstelle aufgehängt und öffentlich zur Schau gestellt wurden.

 

*Klick* Wunderbare Lebendigkeit der Namen: Winziger Ausschnitt der Fassade der Basilica Cattedrale Metropolitana di Santa Maria Nascente bzw. des Mailänder Doms

 

In jenem Winter schneite es heftig in Mailand und wir, die Bewohner des Studentenheims, gaben uns ausgiebigst dem Vergnügen der Schneeballschlachten hin. Das Malheur muss passiert sein, als ich gerade Hanif, einen iranischen Hünen mit Ambitionen auf eine Karriere als Model, ordentlich einseifte, um ihm die Power des goldenen Westens zu verdeutlichen. Jedenfalls zog ich mir an diesem Abend irgendeine Form von Zerrung im Schulterbereich zu. Später, in der cucina, saß ich bei einem billigen Wein neben Patrick, einem libanesischen Medizinstudenten. Er sah mein hypochondrisch-schmerzverzerrtes Gesicht, befühlte fachmännisch meine Schulter und sagte dann mit seinem wunderbaren Akzent: „Fatti un Vick’s.“ Was er meinte, war: „Schmier Dir ein wenig Wick VapoRub auf den Rücken“. Was ich mit meinen deutschen Ohren hörte, war: „Wedel Dir einen von der Palme, Alter.“

„The only thing more powerful than a mother’s touch“, well, well… Nun habe ich nichts gegen derlei Verlustierungen. Warum auch? Schon Woody Allens oft zitierter Stadtneurotiker sagte bekanntlich: „Hey, don’t knock masturbation; it’s sex with someone I love.“ Auch der Einsatz von Wunder(gleit)mitteln erscheint an dieser Stelle unbedenklich. Dennoch war ich im ersten Moment ziemlich überrumpelt und brach anschließend in schallendes Gelächter aus. Alle Köpfe wandten sich in unsere Richtung, nach einigen Erklärungen grölte die ganze Residenza. Schlüpfriges Terrain, diese Völkerverständigung. Mir aber bekam das Lachen ganz und gar nicht. Mein Rücken versteifte sich noch stärker und ich musste zwei Tage lang das Bett hüten. „Fatti un Vick’s“ – immer, wenn ich auf der A67 nach Süden fahre, muss ich schmunzeln und gedenke der wunderbaren Lebendigkeit der Namen.

 

doimlinque

 

doimlinque auf dem Dach des Mailänder Doms, wo er die schöne Aussicht bewunderte und ausdrücklich nicht irgendwelchen Ferkeleien frönte 

 

Früher, in einem ganz anderen Leben, fanden Blogs der Weinbeeren und von doimlinque auf einer anderen Plattform statt. Dies war dann, und das ist jetzt – ganz wertfrei gesagt und gemeint. Das Allermeiste der dort von mir veröffentlichten Texte ist im Orkus der Vergessenheit bestens aufgehoben. So wird es auch weiterhin bleiben, allerdings mit möglichen Ausnahmen, s.o. Neulich bin ich nämlich beim Festplattengroßreinemachen über das vorliegende Frühwerk gestolpert und habe spontan entschieden, mich selbst zu kannibalisieren, sprich: eine (dann doch recht drastisch) überarbeitete Version des Originals hier noch einmal aufzulegen. Eitel ist der Blogger, und wem das zu blöd ist, der klickt eben weiter. Ich war jung damals, Gott, was war ich jung! Jene staatstragende Gravitas, die heute jede meiner Einlassungen auszeichnet, war höchstens in Ansätzen zu erkennen. Und noch etwas: Man durfte zu der Zeit auf besagter Plattform – nach meiner Erinnerung – nur Beiträge von jeweils höchstens 30.000 Zeichen posten, was meiner Schwatzhaftigkeit einen natürlichen und recht segensreichen Riegel vorschob. Wären doch nur alle Plattformen so angelegt, bzw. könnte ich doch nur aus mir selbst heraus einfach mal die Fresse halten! Egal. Wir müssen uns mit dem Gegebenen bescheiden und das Beste daraus machen.

Advertisements

8 Gedanken zu „Abgewichst revisited

  1. Diander

    Hihi, ich Naiverl dachte bei dem Headerbild doch tatsächlich an Schnick Schnack Schnuck. Papier bedeckt Brunnen.

    Schöne Geschichte. Ein klitzekleiner Tipp: „Fatti un Vick’s“ hilft oft, ja, außer bei Kleinkindern, für die sind Menthol und Kampfer in Vick` s nix.

    Grüßle, Di

    P.S. Fesche Hosen, das, hipp retro mit Schlag.

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. doimlinque Autor

      Papier bedeckt Brunnen.

      Haha, bairische Erziehung…?

      „Fatti un Vick’s“ hilft oft, ja, außer bei Kleinkindern, für die sind Menthol und Kampfer in Vick` s nix.

      Werde das weitergeben, wenn ich welche sehe.

      Fesche Hosen

      Ich war sowieso früher ein ganz fescher Kerl – heute, viele Jahre später, kann man das ja ohne zu erröten hinausposaunen. Da kräht allerdings kein Hahn mehr nach, und das Wort „fesch“ haben dem Vernehmen nach die österreichischen Neofaschos gehighjacked.

      Gruß, d.

      Gefällt mir

      Antwort
      1. Diander

        Papier bedeckt Brunnen. Haha, bairische Erziehung…?

        Vonwegen bairisch, -> höchstoffiziell.

        Was passiert denn im wilden Westen mit dem Papier? Wird zusammengeknüllt in den Brunnen geworfen und das Trinkwasser verschmutzt?

        Da kräht allerdings kein Hahn mehr nach, und das Wort „fesch“ haben dem Vernehmen nach die österreichischen Neofaschos gehighjacked.

        Ich lass mir doch von denen nicht den Wortschatz klauen („Mama, Mama, sie hat „fesch“ gesagt“). Zumal es nicht zutrifft. Also bei den Blauen, nicht bei Dir, zu keiner Zeit (obacht, das war keine bairische doppelte/dreifache Verneinung).

        Grüßle, Di

        Gefällt mir

        Antwort
        1. doimlinque Autor

          Vonwegen bairisch, -> höchstoffiziell.

          Ach so, ja, nein, ich meinte eher generell die Assoziation in Verbund mit dem Header. Im Sinne von antrainierten Scheuklappen.

          Ich lass mir doch von denen nicht den Wortschatz klauen

          Freilich nicht, nein. Oder doch, eigentlich schon. Die Semantik von Worten oder Symbolen kann sich mit der Zeit nun einmal verschieben, egal, wie sinnvoll oder -los man die jeweils neue Konnotation dann so findet. Nicht immer hilft da logische Argumentation und trotziges Festhalten an der „eigentlichen“ Bedeutung ist auch irgendwie…
          So ein Hakenkreuz war mal ein ganz unschuldiges Kreuzerl. Fesch allerdings könnte vermutlich in der Tat noch für die Allgemeinheit zurückerobert werden, das stimmt wohl.

          Gruß, d.

          Gefällt mir

          Antwort
  2. anchesa69

    Nach dem ersten Lachanfall bleibt mir nur zuzugeben: „Fatti un Vick’s“.

    „…P.S. Fesche Hosen, das, hipp retro mit Schlag….“
    Ja und man beachte bitte auch die fe…tztige beerenfarbene Tasche. War doimlinque nun damals seiner Zeit modetechnisch voraus oder arbeitete er schon hart in Richtung „Weinbeeren“ ???
    Who knows?

    Gefällt mir

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s