Verirrung und Verfall

 

Nirgends strapaziert sich der Mensch so sehr, wie bei der Jagd nach Erholung, deklamierte dereinst Laurence Sterne. Wie recht er damit hatte, erweist sich beim Blick auf den Protagonisten in Thomas Manns Novelle ‚Der Tod in Venedig‘, welcher einen Kurztrip auf den venezianischen Lido zum Anlass nimmt, unfreiwillig aus dem Leben zu scheiden.

Und das kam so: Gustav Aschenbach, gutsituierter und hoch angesehener Schriftsteller im spätwilhelminischen München, selbstdisziplinierter Moralist, dessen Lieblingswort „durchhalten“ lautet, beschließt, der erschöpfenden täglichen Fron den Rücken zu kehren und ein paar Wochen an der italienischen Adriaküste durchzubringen. Über Umwege gelangt er schließlich in einem mondänen Hotel in Venedig. Nachdem er auch hier zunächst dem Käseglockenwetter in der Lagune wegen die Flucht erwägt, bleibt er nach einigem Heckmeck schließlich doch vor Ort und beginnt zugleich seine immer rapider sich vollziehende Abtakelage.

Der alte Mann nämlich verguckt sich in ein Kind, Tadzio gerufen und Spross einer ebenfalls im Bäderhotel weilenden polnischen Großfamilie. Es beginnt die große fiebrig-verklemmte Lüsternheit. Der elf- oder höchstens zwölfjährige Jüngling – blond, blauäugig, klassisches Profil – wird in Aschenbachs Gedankenwelt zum Götterboten, zum Fluchtpunkt unterdrückter Sehnsüchte, zur Projektionsfläche für Spekulationen über die wahre Natur der Schönheit als solcher.

Während der Schriftsteller zunehmend enthemmter und gleichzeitig willenloser zum Stalker des jungen Tadzio degeneriert, braut sich auch von anderer Seite her Unheilvolles zusammen. Nach und nach stellt sich heraus, dass Venedig von einer gefährlichen Choleraepidemie gebeutelt wird, die aus Angst vor rückläufigen Touristenzahlen von den Behörden der Stadt allerdings so gut es eben geht geheim gehalten wird. Die Menschen beginnen zu sterben, wer bei Verstand ist, flieht die Lagune, ohne sich noch einmal umzudrehen. Aber Aschenbach ist eben nicht mehr bei Verstand. Statt zu gehen, trägt er starke Schminke auf, um die Zeichen des Alters und der einsetzenden Krankheit zu übertünchen. Er bleibt, weil Tadzios Nähe ihm zum einzigen Lebensinhalt geworden ist. Zurück bleibt ein lebloser, abgehalfterter Körper in einem Liegestuhl auf dem Strand vor dem Hotel. Die Weinbeeren sind fassungslos: Wie kann man sich nur so gehen lassen? Typisch Künstler! Kopfschüttelnd erinnern sie sich an die vielzitierten Verse aus einer Rilkeschen Elegie: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang…

 

 

 

doimlinque: Was trinkt Ihr denn da…?

Anchesa: Also ich hab heut einen Weißwein. Einen griechischen, der mir letztens beim Griechen gemundet hat. Imiglios oder so

Diander: Imiglikos, halbsüß, aha. Ich fange heute mal ganz passend mit Granatapfelsaft an und verstärke dann mit Schampus. Tschaka.

doimlinque: Selber tschaka! Das trinkt man natürlich mit Wodka, jedenfalls habe ich das so an einem denkwürdigen Wochenende in Sarajevo so gehalten. Und jetze eben noch mal mit Schwung.

Diander: Jedenfalls bin ich heute außergewöhnlich gespannt, wie der Abend verläuft. Ob wir uns endlich mal sauber in die Wolle kriegen ob des Buches, vollkommen zerstreiten, oder wie oder was. Los, wie fandet Ihr es?

doimlinque: Darf ich erst Eure Meinung raten? Bestimmt so total mädchenhaft: Uh, oh, war das kompliziert, uh, oh, hat mir überhaupt nicht gefallen, zippelzippel, das soll Kunst sein, uh oh…

Diander: Feigling, ich habe zuerst gefragt. Nein, im Ernst, ich habe das Buch schon vor vielen Monden gelesen, dass ich bereit war, das noch einmal zu tun, sagt doch einiges.

Anchesa: Also ich bin tief gespalten. Mann selber nannte es „Tragödie einer Entwürdigung“ und so kam es mir auch vor. In großen Teilen entwürdigend. Aber auch mit schönen Bildern, die er beschreibt. Und Sätzen, die einerseits irgendwie nicht enden wollen, aber auch teils hängen bleiben, weil sie so wahr daher kommen.

doimlinque: Wir haben das in der Schule gelesen und ich erinnere mich, dass ich das Buch damals unglaublich langweilig fand, wie ca. 99 % der Dinge aus der Erwachsenenwelt. Und jetzt geht es mir genau andersrum, ich bin selber ein wenig verblüfft, wie gut es mir gefallen hat. Macht wohl das Erwachsensein.

Diander: Aus der Schule kenne ich es nicht. Ich hatte früher immer Phasen, in denen ich von einzelnen Autoren ritzeratzeputz alles gelesen habe, Mann, Frisch, Balzac, Hesse usw. Und in der Zeit habe ich unter anderem auch den „Tod in Venedig“ gelesen. Eigenartigerweise fand ich ihn damals auch weniger eindringlich und eindrücklich als heute. Wieder auf den Trichter gekommen bin ich dann später mal über die Verfilmung. Aber dazu vielleicht später.

thomas-mann

Der grübelnde Blick des Thomas Mann

Anchesa: Also, ich fand, das Motiv „Tod“ war mir zu viel, irgendwie hat er sich von einem Motiv zum anderen gehangelt und die Zeilen dazwischen nur aufgefüllt. Schlecht zu beschreiben, versteht ihr es, was ich meine?

doimlinque: Öhm, nee. Ich habe das Gefühl, bei Mann steht jedes Wort genau da, wo es stehen soll, einfach so aufgefüllt kommt mir da nichts vor. Ich finde generell, dass die Novelle semantisch unglaublich dicht und geladen ist. Es werden ja noch mehr Motive aufgegriffen, vor allem ganz viele Antithesen aufgebaut (alt vs. Jung, Bürger vs. Künstler, Stillstand vs. Reisen, Wasser vs. Festland etc.). Und gleichzeitig gibt es einen durchkomponierten Plot, es ist also nicht nur ein Bilderrätsel. Finde ich.

Diander: Finde ich auch. Nicht zu vergessen, die Antithese von Leben versus Kunst, die Frage nach dem Ursprung von Kunst und Schönheit. Von daher ist das Todesmotiv nur oben drübergelegt, die Ästhetik ist der Kern.

Anchesa: Die Ästhetik ist eigentlich für mich nicht rüber gekommen. Ich habe zu viele Motive des Todes gelesen. Sicher war das von Mann so gewollt, meins ist es halt nicht. Aber die mythologischen Motive fand ich klasse, das ist schon eher meins. Und die dekadenten, angedeuteten…

doimlinque: Zippelzippel…wer liest denn auch eine Novelle namens „Tod in Venedig“ und beschwert sich dann über die Todessymbole.

Anchesa: Ich hab mich nicht über das Vorhandensein der Todessymbole beschwert, nur über die Überzahl derer.

doimlinque: Und überhaupt: Mythologie und Todesmetaphorik geht doch hier Hand in Hand, will mir scheinen. Aber sei’s drum.

Diander: Jetzt steige ich doch mal auf einen Aspekt ein, der mir auffiel. Die Todesboten sind ja wirklich mannigfaltig, der erste der Reisende in München, dann der zwielichtige Gondoliere. Und der Bänkelsänger. Alle mit irgendwie roten Haaren oder Schnurrbärten. Was mir aber noch dabei auffiel, war die Steigerung in ihrem Gebaren. Während der Reisende noch nur stumm verharrte, murmelte der Gondoliere Unverständliches in sich hinein. Und der Sänger trieb das dann ins Laute, Höhnische, Vulgäre. Ein durchaus dramatischer Effekt.

doimlinque: Da hatte ich noch gar nicht drüber nachgedacht, über diese Steigerung, ein schöner Punkt. In jedem Fall war der Sänger gegen Ende wirklich unerträglich, da sträuben sich beim Lesen alle Haare.

Diander: Genau das meine ich, die Annäherung an den Tod wird da richtig plastisch und malerisch, die Tragödie, die sich andeutet wird im Verlauf immer lauter und unausweichlicher.

Anchesa: Dann fehlt aber in dieser Auflistung noch der Mann in der Gruppe auf dem Schiff. Er kommt jung rüber und plötzlich erkennt Aschenbach, dass er eigentlich ein gealterter verkleideter „Narr“ ist, der versucht, den Tod zu überlisten.

Diander: Irgendwie ja, die Figur würde ich aber eher in die Gegenüberstellung, die Antithese Jugend/Alter reinpacken. Natürlich ist er aufgrund seines Alters näher am Tod, versinnbildlicht aber für mich eher die Weigerung des Alters, die Schönheit des Alters anzuerkennen, indem man sich auf ewige Jugend trimmt.

doimlinque: Er ist das, was Aschenbach bald danach werden wird, und eben genau das Gegenteil dessen, was er bis dahin war. Ja, da schwingt auch so eine Art Todesengel mit, aber ich sehe da auch noch mehr dieses Zügelschleifenlassen, das ekelhaft Selbstvergessene, Fratzenhafte. Vielleicht können wir auch noch mehr zu Aschenbach sammeln, ich finde das eine ganz spannend entworfene Romanfigur, bei der man an etliche potenzielle Vorbilder aus dem wirklichen Leben denken kann.

Diander: Na ja, es ist ja kein großes Geheimnis, dass nicht zuletzt Gustav (sic!) Mahler eines der Vorbilder war.

doimlinque: Ja. Aber denk auch an Goethe in Marienbad. Oder Wagner, der immerhin in Venedig gestorben ist. Oder August von Platen, der von Heine ziemlich unrühmlich geoutet wurde. Oder Sokrates, der kommt ja dann auch explizit im Buch vor. Oder an Thomas Mann selbst, der im Kern eine Begebenheit aus seinem Leben zum Ausgangspunkt der Novelle genommen und im Protagonisten nicht wenig von sich selbst untergebracht hat.

ca-dario

Venedig sehen und sterben…

Anchesa: Ich fand es unangenehm zu verfolgen, wie Aschenbach im Laufe der Novelle abstieg. Er finde immer neue Ausflüchte, dort zu bleiben, auch als er weiß, wie gefährlich es wird. Ja er warnt nicht mal die polnische Familie, nur damit Tadzio nicht abreist, und setzt somit auch ihn der Gefahr aus. Und nahezu grotesk fand ich, wie er die Antithesen nutzte, um sein Verhalten und seine Leidenschaft vor sich selbst zu rechtfertigen (siehe Sokrates und Phaidros). Er führt das Gleichnis der beiden an, Hässlichkeit gegen Schönheit, Weisheit gegen Liebenswürdigkeit, als er die Gespräche Sokrates mit Phaidros schildert.

Diander: Nochmal zurück zu den Vorbildern. Ich finde das gar nicht so essentiell, viel interessanter finde ich das ungeheure Wagnis Manns, kurz nach der Jahrhundertwende eine Novelle über eine pädophile Leidenschaft zu schreiben und den Plot derart in Schönheit auf die Spitze zu treiben, dass die Form den Inhalt unangreifbarer macht. Auf wen auch immer er damit anspielt.

doimlinque: Also naja, was heißt essentiell. Es ist eben sinnbildlich für den Anspielungsreichtum der Novelle. Die Figur nimmt viele Elemente von vielen auf. Das ist das eine. Und dann stimmt es natürlich, dass das Sujet sehr gewagt ist. Und ich bin gar nicht sicher, wie angreifbar oder nicht der Inhalt bleibt. Ich habe mich zum Beispiel immer gefragt, was denn wohl Tadzio davon halten mag, dass ihm da ein sabbernder Alter auf Schritt und Tritt durch Venedig hinterherdackelt und mit lüsternen Blicken überzieht. Aber Tadzio bleibt eben reines Objekt, alles verdichtet sich in der Figur Aschenbach.

Diander: Latürnich. Im Grunde spielt sich das alles nur in Aschenbachs Kopf ab, die Deutung und Blicke Tadzios, die beschrieben werden, entspringen wohl in großen Teilen einem Wunschdenken.

Anchesa: Stimmt, und wirklich geschockt war ich nicht nach dem Lesen der Novelle. Sondern nach dem Ansehen des Filmes dazu. Der hat es meiner Meinung nach noch stark verschärft, vor allem durch diesen Tadzio, der ja da klein und mädchenhaft dargestellt war. Im Buch hatte ich da irgendwie nicht diese Vorstellung. Ich war angeekelt, ehrlich gesagt.

doimlinque: Angeekelt ist das eine, ich glaube bei mir überwiegt das Fremdschämen. Weil da jemand ekelhaft wird, der das sozusagen gar nicht nötig hat, der eigentlich respektabel ist usw. Und tatsächlich, wie Du sagst, dieses Ausstellen des Jungen wie ein Stück Fleisch ist schon heftig.

Anchesa: Ein sehr schwieriges Thema, nicht wahr.

Diander: Obwohl ich doch gerne die schauspielerische Leistung von Dirk Bogarde anerkennen möchte, der es irgendwie schafft, alle Gefühle mit den Augen darzustellen. Das fand ich jetzt – losgelöst vom Fremdschämen – gelungen. Sozusagen wie vorher erwähnt, Ausführung herausragend, Inhalt schwierig.

doimlinque: Ach so, ja, nein, ich finde den Film – genau wie das Buch – schon auch sehr gut. Ich war mal in einer Aufführung von Mahlers 5. Symphonie und hatte da immer die Bilder von Bogarde am Strand im Kopf. Muss ja nicht immer Friede-Freude-Eierkuchen sein, um anzuregen.

Anchesa: Ich kannte Mr. Bogarde nur aus seinen leichteren Filmen und war echt überrascht. Im ersten Moment musste ich zweimal hinschauen. Gute Leistung – aber ehrlich gesagt, kein Film, den ich mir ein zweites Mal anschauen möchte.

Diander: Zumindest den Schluss mit der grandiosen Musik, hältst Du die nochmal aus?

Die Weinbeeren lauschen andächtig der Schwermut des Adagietto und seufzen schwer…

doimlinque: Haaach…Ich wollte aber noch einmal auf etwas kommen, was Anchesa zu Beginn angesprochen hatte: Mir gefällt ja der Schreibstil von Thomas Mann sehr, ich könnte mich in manche Sätze richtig reinknien. Andererseits ist es glaube ich das, was viele eher abwinken lässt. Er treibt die Sprachakrobatik schon sehr auf die Spitze. Was sagen die Damen…?

Anchesa: Nun ja, es war ja mein erster „Mann“ und ich war echt ein wenig überfordert beim ersten Lesen. Mittlerweile hab ich die Novelle aber noch mal gelesen und da war es einfacher, man ( bzw. ich) konnte die Sprachbilder eher entdecken und geniessen. Ja so einige Sätze haben mir auch sehr gefallen. Manchmal fand ichs aber halt auch übertrieben.

Diander: Ich mag ihn sehr, sonst hätte ich nicht anno dunnomal von den Buddenbrooks über die Novellen und Gedöns alles gelesen. Allerdings ist das erste Drittel vom „Tod in Venedig“ schon keine leichte Kost, die Abhandlungen über das Wesen und die Quelle des künstlerischen Gedingens. Nichts, was man morgens um 6 Uhr locker in der S-Bahn lesen kann. Sprachakrobatik ist passend, vielleicht sogar ein wenig sehr elaboriert.

doimlinque: Also, diese S-Bahn-Chose kann man natürlich auch als Kompliment werten – ist eben nix für Fastfoodianer. Und dann denke ich gerade, dass es ja auch gleichzeitig nicht so ist, als ob dieser lakonische Subjekt-Prädikat-Objekt Reporterstil à la Hemingway nicht auf seine Art genauso artifiziell wäre. Nur eben andersrum, sozusagen. Hat beides seine Berechtigung.

gondola

Venedigs S-Bahn öPNV…

Diander: Ich meinte das auch mehr inhaltlich, weniger stilistisch. Wenn ich das erste Drittel ansprach, dann war das so gemeint, dass sich das fast wie eine philosophische Betrachtung liest, eher handlungsarm. Das macht im Übrigen auch eine Verfilmung ja nicht gerade einfach.

Anchesa: Stimmt, nicht umsonst gibt’s wahrscheinlich ja nur diese eine Verfilmung. Trauen sich sicher kaum Leute ran und wenn, müssen sie schon irgendwie einen besonderen Bezug dazu haben. Ich fand auch, dass das erste Drittel am schwersten war. Durch seine Gedankensprünge kam ich immer wieder raus aus dem Lesen.

doimlinque: Ich mochte das eigentlich gerade sehr gerne, da wird so eine Art Mannsches Künstlercredo ausgesprochen, oder doch wenigstens umkreist. Finde ich spannend. Und bei der Verfilmung fällt mir ein, dass ja eine der auffälligsten Abweichungen vom Roman der Umstand ist, dass Aschenbach hier Komponist ist, nicht wahr. Musik kann man natürlich viel besser auf der Leinwand transportieren….

Diander: Ein feiner Kniff, ja. Und an der Grundthematik, des Zweifelns an Ursache, Wirkung, Grundlage von Kunst und Schönheit, künstlerischem Wirken nimmt sich das ja nichts. Ich denke, Visconti hat das wirklich geschickt angestellt, so nebenbei den Mahler ins Geschehen rein zu bringen.

doimlinque: Es ist schon alles sääähr bildungsbürgerlich, ja. Aber irgendwer muss das Abendland ja verteidigen. Mir gefällt es jedenfalls ziemlich gut, wenn auch in Maßen. Den Film muss ich mir nicht an jedem Sonntag immer wieder anschauen, und Mann muss ich –bei aller Anhängerschaft und großen Zauberbergfantums – auch nicht andauernd aufgeschlagen neben dem Bett liegen haben.

Anchesa: Ja den Film werd ich wohl auch nicht noch mal sehen, aber Thomas Mann werd ich schon weiter lesen. Von den Buddenbrooks kenn ich bisher nur die Verfilmung, das werd ich dann noch lesen. Und den Zauberberg auch… Wußtet ihr, dass es vom Tod in Venedig auch ein Ballett gab, in dem Aschenbach dann Choreograph ist?

Diander: Nee, aber Männer in Strumpfhosen haben schon was. Nein, Spaß.

doimlinque: Wieso Spaß?

Diander: Isch maaaach Ballett schon. Aber noch mal zurück zum Film, zumindest die Schlussszene kann ich mir immer wieder heimlich zwischendurch anschauen, und jedes Mal kullern die Tränen. Nochmal ganz was anderes, die Frage fehlt bis dato: Welche Ausgabe habt Ihr denn gelesen? Nachdem ich den „Tod in Venedig“ nicht hatte, sondern früher mal aus der Bücherei geliehen hatte, habe ich mir jetzt dafür eine Sammlung mit verschiedenen Novellen und Erzählungen vom Fischer Verlag zugelegt. So für den Nachttisch, immer mal wieder häppchenweise.

Anchesa: Ich hab eine Ausgabe „Thomas Mann – Meistererzählungen – Königliche Hoheit“ von Manesse-Verlag Zürich. Sehr schwer zu händeln. Das Buch ist etwa 5 x 8 cm, dafür aber etwa 4 cm dick. Schön anzusehen, aber schwer zu lesen.

doimlinque: Ich finde diese Manesse-Ausgaben immer sehr schön. Ich habe das Buch, was wir damals in der Schule als Sammelbestellung bekommen haben: Ein Taschenbuch aus dem Fischer-Verlag, mit dem Ausschnitt eines Monetgemäldes auf dem Cover. Hübsch.

Diander: Bei meiner Sammlung prangt Dirk Bogardes und Tadzios Rückenansicht beim Schlendern über die Piazzen vorne druff.

 

Die Weinbeeren lauschen den restlichen Abend weiter dem Mahlerschen Musikgerüst und trinken sich ihre Schwermut wieder leichter. Es sei nicht zu viel verraten, aber am Schluss wurde doch gelacht.

Wer nachlesen will, was die Novelle hergibt: Die Klassiker, die sich die Herrschaften traditionell vorknöpfen, sind online hier verfügbar

Und zumindest Trailer und einzelne Szenen der Verfilmung bietet die Firma Youtube als Exzerpt an:
Trailer

Schluss (schluchz)

Auftritt Bänkelsänger

Making of

 

Anchesa, Diander und doimlinque

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5 Gedanken zu „Verirrung und Verfall

  1. justrecently

    Von Hannah Arendt stammt die Behauptung, sie hätte vermutlich nie etwas notiert, wenn sie nicht auf das Schreiben angewiesen sei, um verstehen zu können.

    Und Thomas Mann hatte – lange vor Arendt, mit dem „Tod in Venedig“ – mal wieder einigermaßen Glück gehabt: Was ich selber sei, was ich wolle und nicht wolle, nämlich nicht südliche Schönheits-Ruhmredigkeit, sondern den Norden, Ethik, Musik, Humor. Wie ich mich zum Leben verhielte und zum Tode – ich erfuhr das alles, indem ich schrieb. (Der Autor über seinen ersten großen Roman, Buddenbrooks.)
    Man(n) muss also nicht alles bis zum Allerletzten durchleben, durchlieben und durchleiden – obwohl Frau Katja wohl keine schönen Erinnerungen an den bewussten Urlaub des Dichters und seinen schriftlichen Ergebnissen hatte.

    Manns literarische Größe – und seine vermutbare alltägliche Peinlichkeit – gingen auf die empörende Rücksichtslosigkeit zurück, mit der er schrieb, und mit der alles „erledigt“ und „gleichgültig gemacht“ wurde. Sogar Gerhart Hauptmann wurde im Krankenhaus besucht (freute sich darüber) und wurde doch nur schamlos auf seine Marotten hin beobachtet und abgeklopft, damit sie dann Mynheer Peeperkorn zugeeignet werden konnten.

    Mich hat diese Rücksichtslosigkeit beeindruckt, als ich jung war. Je älter ich werde, desto abschreckender finde ich sie, aber an meiner Bewunderung für Mann hat sich nichts geändert.

    P.S., etwas Input von der Nordseeküste:
    Abtakelage gibt es nicht. Takelage ist ein Substantiv, und hat kein Gegenteil. Abtakelung würde gehen.

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    1. Diander Autor

      Erst mal vielen Dank fürs Lesen!

      „ich erfuhr das alles, indem ich schrieb.“ ….Man(n) muss also nicht alles bis zum Allerletzten durchleben, durchlieben und durchleiden.

      Dazu noch ein passendes Zitat von Mann „Es ist die alte, gute Geschichte: Werther erschoß sich, aber Goethe blieb am Leben.“ Ein Indiz für das bestgelüftete Geheimnis, dass Herr von Aschenbach stellvertretend den Choleratod starb.

      Manns literarische Größe – und seine vermutbare alltägliche Peinlichkeit – gingen auf die empörende Rücksichtslosigkeit zurück, mit der er schrieb …Mich hat diese Rücksichtslosigkeit beeindruckt, als ich jung war. Je älter ich werde, desto abschreckender finde ich sie, aber an meiner Bewunderung für Mann hat sich nichts geändert

      Um mal Marcel Reich-Ranicki zu zitieren:
      Wissen Sie, wer sympathisch war? Walther von der Vogelweide. Denn von dem wissen wir gar nichts. Und wenn wir über einen Dichter viel wissen, dann ist er arg unsympathisch. Thomas Mann war sehr unsympathisch, Brecht ebenfalls, Heine auch sehr fragwürdig und Goethe, na, keine sympathische Figur.

      Tatsächlich finde ich auch, dass das Manns Texten nichts nimmt, das geschriebene Wort bleibt. Dass vor allem (fast) die ganze Mann-Mischpoke, speziell auch die Kinder, hingegen unter den oft nachverfolgbaren literarischen Sezierereien litt und sich die Nachkommen teilweise wiederum mit literarischen Mitteln rächten, ist allerdings schon ein menschlich tragische Geschichte. Dazu gab es vor einigen Jahren eine Familienchronik von Tilmann Lahme. Oder man nehme Heinrich Breloers „Die Manns…“

      Abtakelage gibt es nicht. Takelage ist ein Substantiv, und hat kein Gegenteil. Abtakelung würde gehen.

      Mist, schon wieder durch den Segelschein gerasselt.

      Grüßle, Diander

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      Antwort
    2. doimlinque

      Mich hat diese Rücksichtslosigkeit beeindruckt, als ich jung war. Je älter ich werde, desto abschreckender finde ich sie, aber an meiner Bewunderung für Mann hat sich nichts geändert.

      Mich hat Thomas Mann vor allem gelangweilt, als ich jung war. Damals waren mir die Romane seines Bruders viel näher. Das hat sich inzwischen mehr als umgekehrt. Ich lese Thomas Mann heuer so gerne, dass ich sogar die berüchtigten Betrachtungen eines Unpolitischen regelrecht verschlungen habe. Sagt vermutlich mindestens so viel über mich, wie über den Schriftsteller.

      Prinzipiell macht man da natürlich ein riesiges Fass auf, wenn man die Werke eines Künstlers mit seiner Person abzugleichen versucht. (Das gilt, denke ich gerade, für Personen des öffentlichen Lebens insgesamt – will man mit einem Politiker gemeinsam ein Bier trinken gehen oder sagen einem dessen Gesetzesinitiativen zu etc.)

      Sicher gibt es da Wechselwirkungen, im Einzelfall sind die aber nicht immer leicht auf den Punkt zu bringen. Zumal jemand wie Mann offensichtlich mit dieser Wechselwirkung spielt und kleine Hinweise oder Pseudohinweise auf sich und sein Umfeld in seine Texte einstreut. Und eben auch nicht davor zurückschreckt, schamlos alles und jeden auf Werktauglichkeit hin abzuklopfen und im Zweifelsfall auch bloßzustellen.

      Wie damit umgehen? Eine allgemeingültige Richtlinie wird es wohl nicht geben, ich entscheide von Fall zu Fall anders. (Und ändere dann auch mitunter meine Meinung wieder.) Manche Leute sind mir so zuwider, dass sich da richtig ein Schatten über das Werk legt, das mich ansonsten durchaus ansprechen könnte. Heidegger fällt mir spontan ein. Oder Nolde. Die Liste ist potenziell endlos. Noch endloser [sic] aber ist die Liste, wo ich sozusagen fünfe gerade sein lasse und das Werk hochschätze, obwohl mir die schaffende Person nicht geheuer ist. Es ist eben keine schwarz-weiß-Welt.

      Abtagelage gibt es nicht

      Gibt es wohl, es steht doch da. Ceci n’est pas une pipe?

      Gruß, d.

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      Antwort
    3. anchesa69

      Hallo, vielen Dank für Deinen Besuch. Also mich schreckt ja zu große Rücksichtslosigkeit ab. Das ist aber wohl eher in meiner Herkunft begründet. Darum werd ich wohl auch nie als Manager mit Millionenabfindung enden.
      Was sagt es eigentlich über Thomas Mann aus, dass er so schrieb wie er schrieb. Ich hatte beim Lesen vom „Tod in Venedig“ und den „Buddenbrooks“ irgendwie ein mittleidiges Gefühl, so als ob der Schriftsteller selber nichts Gutes rings um sich sah.

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      Antwort
      1. justrecently

        … so als ob der Schriftsteller selber nichts Gutes rings um sich sah.

        Ich sehe darin einen Versuch, über den Dingen zu stehen. Anfang des 20. Jahrhunderts fanden die Lübecker wohl auch, Mann sehe in der Stadt nichts Gutes. Aber fünfzig Jahre später verliehen sie ihm die Ehrenbürgerwürde.

        Dabei hatte sich das Buch ja gar nicht verändert, aber vielleicht die Perspektive der Leser.

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