Der magnetische Norden

Mit der Mitte ist das so eine Sache, zumal auf einem kugelrunden Erdball wie dem unseren. Wo eine da rechts und links, oben und unten verordnet, erzählt in der Regel mehr über die betreffende Person denn über irgendetwas anderes. Norden, Süden, Osten, Westen – alles ist relativ und jeder Jeck sowieso anders. Wenige Dinge wirken zum Beispiel auf mich ähnlich verstörend wie der seltsame Anblick, den Weltkarten bieten, wie sie etwa in Australien ausgegeben werden: Der „5. Erdteil“ sticht zentral aus endlosem Blau hervor, Patagonien und Südafrika recken sich an den Flanken in luftige Höhen, während die großen Landmassen von der Schwerkraft niederwärts aus dem Bild gedrängt zu werden scheinen. Ganz rechts unten, eben da, wo sich Australien zu tummeln hätte, liegt abgeschlagen, versteckt und down under den Teppich gekehrt das gute alte Europa, kleines Kap vor Asiens Riesenmaß. Da ist es am Ende gehüpft wie gesprungen, wenn mir eine erzählt, die geografische Mitte unseres Kontinents läge irgendwo in Litauen, bitte sehr. Tut sie aber wirklich und wahrhaftig!

„Mein Winkel Europas ermöglicht aufgrund der dort stattfindenden außerordentlichen und todbringenden Ereignisse, für die nur verheerende Erdbeben die passende Metapher scheinen, eine besondere Perspektive, der zufolge alle, die von dort stammen, die Poesie unseres Jahrhunderts etwas anders zu beurteilen pflegen als die Mehrheit meiner Hörer: sie suchen in dieser Poesie einen Zeugen und Teilnehmer an der großen Umwandlung, die die Menschheit erlebt.“

Der das im auslaufenden 20. Jahrhundert anlässlich einer seiner Vorlesungen für Poesie an der Harvard University feststellte, war der unbeugsame polnische Lyriker und Expat von Nobelpreisehren Czesław Miłosz, der das Licht der Welt in dem kleinen Örtchen Šeteniai bei Kaunas an der Memel erblickte, zur Zeit seiner Geburt noch Teil des russischen Zarenreichs und mittlerweile mitten im Herzland Litauens gelegen. Genauso gut hätte das Zitat aber von Tomas Venclova stammen können, dem unbeugsamen litauischen Lyriker und Expat von Weltformat, der bis zu dessen Lebensende ein guter Freund von Miłosz war und der eben wie dieser jahrzehntelang Vorlesungen an amerikanischen Eliteuniversitäten gehalten hat. Bevor er im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern nach Kaunas zog, erblickte Venclova wiederum 1937 das Licht der Welt in Klaipėda, dem ehemals preußischen Memel an der Ostseeküste, und da wird es persönlich.

Zwei etwas kitschige Dinge haben mich ursprünglich zu Venclova geführt, die beide herzlich wenig mit seinen Gedichten zu tun haben: Wer an der Ostsee aufgewachsen ist, weiß, dass es sich bei diesem Brackgewässer im Grunde um kaum mehr als ein besseres Pissbecken für Zwergnasen handelt, das von den sieben Weltmeeren etwa so weit entfernt liegt, wie der Timmendorfer Strand von Bondi Beach oder wie Klaus & Klaus von Simon & Garfunkel. Grau in Grau, mit einigen wenigen grauen Einsprengseln (letzteres höchstwahrscheinlich ein paar glibbrige Quallen). Jedenfalls habe ich das immer gedacht, bis mich die Wogen der Gezeiten einmal nach Klaipėda trugen und ich auf der Kurischen Nehrung der Stadt gegenüber ein ganz anderes Gesicht der Ostsee kennengelernt habe. Echte Wellen, meilenweiter Sandstrand, im Rücken sattgrüne Kiefernwälder, keine Norddeutschen weit und breit und alles unter einem spektakulären Himmel. Viel schöner wird es nicht und so steht Klaipėda in meiner inneren Erlebnisweltkarte für den Punkt, an dem mir bezogen auf das Grauwasser vor meiner Haustür ein Licht aufgegangen ist.

Und dann habe ich, zweitens, irgendwann begonnen, die Lyrik von Johannes Bobrowski zu bewundern. Der wurde 1917 in Tilsit geboren, das heute Sowjetsk heißt und zum Oblast Kaliningrad gehört. An den Ufern der Memel gelegen, direkt angrenzend an das frühere Memelland im heutigen Litauen und ziemlich genau in der Mitte zwischen Klaipėda, Kaunas und Kaliningrad/Königsberg. Bobrowskis Gedichte atmen förmlich die Landschaft seiner Heimat, in der Litauer, Polen, Deutsche, Russen, Weißrussen und Juden aufeinandertrafen, sich kabbelten und gleichzeitig mit großem Einfluss aufeinander einwirkten. Übrigens spielt der inzwischen mehr oder minder vergessene Roman Litauische Claviere von Bobrowski in Willkischken, das heuer Vilkyškiai heißt und wo ein kleines Bobrowski-Museum eingerichtet wurde.

Jedenfalls war ich also angefixt für die Landschaft und das literarische Erbe dieser Region und landete über Umwegen bei Tomas Venclova. Wenn ich es richtig überblicke, liegen von ihm bis dato zwei Gedichtbände in deutschen Übertragungen vor (darunter eine Art Best of-Sammelband unter der Hand von Durs Grünbein) sowie ein sehr persönlicher Reiseführer über Vilnius und verstreut eine Handvoll Essays. Das ist definitiv ausbaufähig, Venclova, so viel weiß ich inzwischen, ist ein Schwergewicht der europäischen Zeichensprache. Ähnliches wird man sich beim Suhrkamp Verlag auch gesagt haben, und so kam es, dass anlässlich der diesjährigen Leipziger Buchmesse ein ziemlicher Knüller präsentiert wurde: Der magnetische Norden: Gespräche mit Ellen Hinsey. Es handelt sich um so etwas wie eine Autobiografie Venclovas, allerdings – wie im Untertitel angedeutet – in dialogischer Aufmachung. Das Ganze gleicht einem Interview, das die in Paris lebende amerikanische Lyrikerin mit dem mittlerweile zwischen Connectitut und Vilnius pendelnden litauischen Lyriker,  Sprachwissenschaftler und Aufmüpfler führt. Etwa sechs Jahre haben die beiden Frage-und-Antwort gespielt, und wohl weil alles in Berlin begann, wo Venclova ein Jahr lang ein Gaststipendiat innehatte, ist das Resultat nun tatsächlich zuallererst auf Deutsch – ganze drei Monate vor der englischen Ausgabe – in der Übersetzung von Claudia Sinnig erschienen. Dem Vorwort von Hinsey ist auch das Miłoszzitat entnommen.

 

Venclova

Von der Mitte des Jahrhunderts voll erwischt: Tomas Venclova

 

Dabei ist der gut 600 Seiten umfassende Band, dem auch eine Zeittafel und ein Personenregister beigefügt sind, beileibe nicht nur etwas für Lyrikliebhaber. Was man liest ist in erster Linie ein spannendes Stück europäischer Geschichte gespiegelt in einem zugleich repräsentativen aber auch außergewöhnlichen Einzelschicksal. Um im von Miłosz oben bemühten Bild zu bleiben, könnte man zuvorderst feststellen, dass das westliche Memelbecken seit Jahrhunderten just auf der Schnittstelle machtpolitisch ebenso wie kulturell geprägter tektonischer Platten liegt (wenn es sowas denn gibt), die sich beständig aneinander reiben. Entsprechend gleichen die Lebensläufe seiner Bewohner mitunter dem eruptiven Krikelkrakel einer Seismografennadel. Platter gesagt, ist es hier immer ziemlich hoch hergegangen.

Venclovas Heimatsort Klaipėda etwa begann das zwanzigste Jahrhundert als nördlichste Stadt Deutschlands („von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt…“). Nach dem Versailler Frieden unterstand das Memelland genau wie Danzig dem Völkerbund, 1923 wurde die Stadt von Litauen okkupiert. Nachdem sie sich das Sudetenland angeeignet hatten, pressten die Nazis im März 1939 das Memelland den Litauern wieder ab. (Hitler selbst geht in Memel vor Anker und wird von einer frenetischen Menge bejubelt. Tja…) Im Januar 1945 folgten dann die Sowjets, die im restlichen Litauen bereits nach dem Hitler-Stalin-Pakt de facto das Sagen gehabt hatten, bevor die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfiel. Aus Memel wurde endgültig Klaipėda, das Memelland gehörte fortan zur Sowjetrepublik Litauen, deren Hauptstadt von Kaunas ins ehemals polnische Vilnius verlegt wurde. Uff! Spätestens ab da war Venclova mittendrin, er wurde „von der Mitte des Jahrhunderts voll erwischt“, wie es in einem seiner Gedichte heißt.

Venclovas Vater war bereits vor dem Krieg ein wenig contrecœur Mitglied der sowjetischen Nomenklatura geworden, indem er als linker Schriftsteller zum litauischen Kulturminister ernannt worden war. Eine komplexe Persönlichkeit, die später Stalinpreisträger werden sollte und den Text der sowjetlitauischen Nationalhymne dichtete, aber gleichzeitig viele von den Sowjets verbotene Bände in seiner Privatbibliothek hortete. (Er sorgte auch für die Einrichtung eines Thomas Mann-Museums in Nidden/Nida auf der Kurischen Nehrung in dem Haus, wo die Manns ein paar Mal ihren Sommerurlaub verbracht hatten.) Auch Tomas Venclova, der die Vorzüge seiner privilegierten Familie genießt (sein damaliges Ich nennt er einen „sowjetischen Bourgeois“), ist in seiner Jugend dem sozialistischen Regime nicht abgeneigt, auch wenn er immer auf größere Unabhängigkeit seiner Heimat hoffte. Spätestens mit der Niederknüppelung des Aufstands in Ungarn 1956 aber wird der junge Mann, der inzwischen Student an der Universität in Vilnius ist, zum Gegner der Autoritäten.

Was folgt ist eine jahrzehntelange Gratwanderung am Rande des in der Sowjetunion Erlaubten und auch darüber hinaus. Venclova veröffentlicht Gedichte im Samisdat, darunter auch Übertragungen aus dem Polnischen und englischsprachiger Lyrik, die nie ihren Weg über die offiziellen Kanäle gefunden hätten. Vor allem aber knüpft er emsig Kontakte zu unzähligen anderen Querdenkern, ist Teil eines Netzwerks, das unter dem Radar der Partei versucht, dem System entgegenzuarbeiten. In Anna Achmatowa, Boris Pasternak und Nadeschda Mandelstam trifft er die letzten Vertreter des russischen Silbernen Zeitalters, deren Texte immensen Einfluss auf ihn haben. Zugleich schließt er Freundschaft mit dem gleichaltrigen Joseph Brodsky, der bald darauf genötigt ist, ins Exil zu gehen (und der später, sechs Jahre nach Czesław Miłosz, mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde).

Venclova wird mehrmals vom KGB verhört, sein Lehrauftrag an der Universität in Vilnius auf Eis gelegt, Veröffentlichungen werden unmöglich gemacht, Auslandsreisen bleiben weitgehend untersagt. Der Dichter ringt um ein Überleben in Würde in einem System, das den Konformismus durch Repression zu erzwingen versucht. (Anders als im kapitalistischen Westen, wo die Gleichmacherei bekanntlich geschmeidiger durch ein samtenes Netz von materiellen Anreizen und Versprechen sowie eine Wette auf den menschlichen Herdentrieb hergestellt wird). Mitte der 1970er Jahre schließlich nehmen die Dinge Fahrt auf. Im Mai 1975 schreibt er einen offenen Brief an das ZK der KP Litauens, in dem er seine dem Regime zuwiderlaufenden Ansichten darlegt und die Genehmigung zur Ausreise fordert, woraufhin er zunächst weiter isoliert wird. Kurze Zeit später gehört er zu den Gründungsmitgliedern der litauischen Helsinki-Gruppe, die die Achtung der Menschenrechte einfordert, denen sich auch die Ostblockstaaten mit Zeichnung der Schlussakte der KSZE-Konferenz verpflichtet hatten. An dieser Stelle gibt es endgültig kein Zurück mehr und die Behörden legen Venclova die Emigration nahe.

1977 landet der Dichter, dessen Fall mittlerweile weltweit für Aufsehen gesorgt hatte, in den USA. Die Sowjetunion entzieht ihm kurz darauf die Staatsbürgerschaft, so dass er um politisches Asyl bitten muss. Das Exil hat er einmal wie ein Leben nach dem Tod bezeichnet, mit Ruhe in Frieden hat es in diesem Fall aber eher wenig zu tun. Neben der fortgesetzten Arbeit für die Helsinki-Gruppe aus dem Exil heraus, startet Venclova eine akademische Karriere. Zunächst in Berkeley und an der UCLA, schließlich ab 1980 in Yale gibt er sprachwissenschaftliche Lehrveranstaltungen in der Slawistik, promoviert mit einer semiotischen Analyse mehrerer russischer Gedichte und erhält zuletzt sogar eine Professur – es ward alles, alles gut. Mittlerweile ist er ein mit Staatspreisen diverser Länder ausgezeichneter Emeritus, der den Weg seiner alten Heimat aus einigem Abstand wohlwollend kommentierend begleitet und warnend den Finger gegen dumpfe nationalistische Töne erhebt.

 

Vilnius

Liegt ganz nahe an der Mitte Europas: Vilnius

 

Nebenbei bemerkt: Nicht alle haben das Zeug zum Dissidententum. En passant wird berichtet, dass Venclova bei seiner Ausreise in den Westen seine Frau ebenso wie seine dreijährige Tochter zurücklässt. Beide – Frau und Kind – werden an der besagten Stelle übrigens das erste Mal erwähnt. Solche Opfer muss man erst einmal zu bringen bereit sein, staatliche Repressionen hin, häusliche Ehekrise her. Mein Bild von Venclova und seinem Kampf gegen die Autoritäten hat beim Lesen dieser Passage jedenfalls eine gräuliche Nuance erhalten.

Überhaupt ist der magnetische Norden (der Titel entstammt einer Gedichtzeile Venclovas: „Ich ziehe das Unglück an wie der Norden die Kompassnadel / Wie der Magnet die Magneten, so zieht das Unglück mich an.“) ein stark von den politischen Ereignissen geprägter Rückblick, wie es sich wohl für den Rückblick eines notorischen Dissidenten gehört. Persönliche Lebenseckpunkte finden Erwähnung vornehmlich in Bezug auf die gewaltigen Wechselfälle, denen Litauen unterworfen wird. In weiten Teilen wird die Autobiografie so, wie gesagt, zum historischen Nachschlagewerk über die Mitte Europas im 20. Jahrhundert. Ganz ohne pathetische Ausfälle, beinahe gelassen, sicher aber überlegt und abgewogen räsonierend schildert Venclova seine Sicht auf das große Ganze. Immer mit offenem Visier: „Die Wahrheit auszusprechen ist der einzige Weg, Würde wiederherzustellen“, heißt es einmal in Bezug auf litauische Kollaborateure während der Nazizeit.

Daneben und nicht zuletzt wenden sich die beiden Gesprächspartner aber an mehreren Stellen und durchaus detailverliebt auch der Lyrik zu. Von frühester Kindheit an spricht Tomas Venclova neben seiner litauischen Muttersprache auch Polnisch und Russisch. Dem Lesehungrigen erschließen sich da gleich gewaltige Jagdgründe, die deutliche Spuren in seinem eigenen Werk hinterlassen. Den offensichtlichsten Einfluss  übt wohl Ossip Mandelstam aus, dessen Biografie ihn ohnehin zum Helden des anti-sowjetischen Untergrunds prädestiniert. (Auch bei Venclova liegt die Verschränkung von Werk und Leben bei der Gedichtinterpretation immer zum Greifen nahe, er selbst verrät im Gespräch mit Hilsey manchen konkreten Einfluss auf seine Verse. Das ist insofern interessant, als dass Venclova als Sprachwissenschaftler aus der Ecke der stark vom russischen Formalismus beeinflussten Semiotiker kommt, die gerade im Gegenteil die Fahne der textimmanenten Deutung hochhalten und autobiografische oder soziokulturelle Einflüsse tendenziell an den Rand stellen. Fröhliche Wissenschaft…)

In der Regel orientieren sich Venclovas Gedichte an klassischen Strophenformen und Reimschemata, die ihm wohl auch immer eine Brücke gewesen sind in andere Zeiten und über Staatsgrenzen hinweg. Anspielungen und Zitate knüpfen dazu gleichsam einen Dialog mit den Bewohnern des Dichterolymps an (was mit Sicherheit zur gleichen Zeit auch eine Art Fluchtbewegung vor dem Hier und Jetzt darstellt). „Die Dichtung flieht den Mainstream, sie besteht auf unbedingter Individualität, auf dem Recht, etwas zu sagen, das nur einem selbst gehört. Wenn sie gelingt, dann findet man seinen Platz in der Sprache und in der Geschichte, die lange vor einem selbst existiert haben und sich nach dem eigenen Tod fortsetzen. Auf diese Weise lässt sich auch das Exil transzendieren.“

Man hat Venclova einen Hermetiker genannt, dessen Bilder sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Diese Sperrigkeit ebenso wie beständig wiederkehrende Bilder von Tod und Verfall sprechen in jedem Fall eine deutlich andere Sprache, als der von oben abgesegnete Sozrealismus der Sowjetunion. Ein gutes Gedicht wirft – wie überhaupt jedes Kunstwerk – erst einmal mehr Fragen auf, als dass es direkte Antworten liefert, dieses Credo würde Venclova wohl ohne zu zögern unterschreiben.

Mein eigener abschließender Eindruck ist wohl im Wesentlichen ein Staunen. Staunen darüber, wie wichtig Poesie hier genommen wird. Wo gebundene Sprache im westlichen Europa im Jahr 2017 nahezu überhaupt keine Rolle für niemanden spielt, ist das an anderen Orten und zu anderen Zeiten eine ganz andere Geschichte, siehe die eingangs zitierte Einlassung von Czesław Miłosz. Da kann sich eine buchstäblich um Kopf und Kragen schreiben aber zugleich auch unsterblich werden, weil Menschen ihre Verse durch kollektives Auswendiglernen vor dem Vergessen retten. Und während ersteres sicherlich vor allem erschreckend ist, bleibt die Macht, die manche Menschen richtig gesetzten Worten zuzugestehen bereit sind, trotzdem ungemein faszinierend. Da mach sich eine einen Reim drauf.

 

doimlinque

 

GESPRÄCH IM WINTER

Tritt ein in diese Landschaft. Noch ist Nacht.
Hinter den Dünen braust leer die Chaussee
Und der Kontinent kämpft mit der See
Unsichtbar, doch stimmenüberfrachtet
Im Schnee eine leichte, verwehte Spur,
Die ein Mensch oder Engel hinterließ,
Im schwarzen Fenster der Küste Kontur
Erinnert an die fruchtlose Antarktis.

Die Abgründe brodeln unter der Eisschicht.
Die wievielte Meile schon rollt der Sand.
Die Brücke taucht auf, taucht ab am Strand,
Und der raue Raum des Winters weitet sich.
Keine Telegramme und keine Briefe,
Nur Fotos. Und der Transistor versagt.
Es scheint, die tropfende Kerze versiegelt
Die gefährliche Zeit mit ihrem Wachs.

Wie feucht ist die Luft, wie scharf das Gestein,
Wie allmächtig das Röntgen vor Sonnenaufgang!
Der angespannte Blick durchdringt die Mauern,
Den Glockenturm und den menschlichen Leib.
Vorm weißen Hintergrund zeichnen sich nur
Verschwommen die Umrisse der Bäume ab.
Schließ die Augen, durch die Rinde siehst du
Den schmalen, letzten Jahresring, beinah.

„Die Gewohnheit schwächt die Sehkraft,
Auf die Dauer täuscht man sich dann leicht.“
„Mit diesem Omen sind wir nicht gemeint.“
Die reifbedeckte Achse dreht sich,
Am Horizont, wo jeder Laut erstarrt
Und wo die schwarzen Schiffe schimmern,
Entzünden sich jetzt Jupiter und Mars
Am unbewegten Küstenhimmel.

Die Leere zieht sich zum Atlantik hin,
Die Felder öd, wie aufgesperrte Säle.
Der Januar liegt auf dem Februar,
Das Flachland duckt sich unterm nassen Wind.
Der Hügel Hüllen fallen hinterm Haff,
In eine Mulde sinkt verwehter Schnee,
Sein Schmelz verschattet. „Und was ist dort?“
„Auch Mündungen von Flüssen, Buchten, Häfen.“

In den Netzen des wuchtigen Gewölks
Glitzern schmale Streifen, Fischen ähnlich.
„Erinnerst du dich – was stand in den Sternen?“
„Dieses Jahrhundert ist Zeichen abhold,
Es gibt nur Statistik.“ „Die Gravitation
Des Todes zerrt an den Pflanzen, Menschen
Und Dingen, doch Saat und Opfer keimen schon,
Da denke ich, nicht alles ist zu Ende.“

„Wo ist der Zeuge? Ich verstehe nicht,
Wer Wirklichkeit und Täuschung unterscheidet:
Vielleicht sind auf der Welt nur noch wir beide.“
„Mir kommt es vor, als gäbe es nur dich.“
„Ist da ein Dritter? Du hast mir erzählt,
Daß dieser Unterhaltung niemand zuhört?“
„Es gibt den Himmel, das verschneite Feld,
Und Stimmen überleben manchmal Körper.“

Die Bäume verdunkeln sich im Mittagslicht.
Wenn es ganz hell ist, bleiben die aus Nichts
Erschaffnen Dinge ohne Gewicht,
Im Bewußtsein, das auf Worte verzichtet:
An der Straßenecke die bröckelnde Wand
Die Trümmer geborstenen Eises,
Das Skelett des Geästs … Und Stille dann
An diesem Ufer des Meeres und jenseits.

(1971)

 

 

7 Gedanken zu „Der magnetische Norden

  1. Diander

    Oh wie schön, Leben in der Bude hier! Und dann auch noch auf weniger ausgetretenen Pfaden, abseits der landläufigen Klassiker. „Gebundene Sprache“, was für ein seltsames Wort für ausgerechnet die Schönheit der Worte untermalendes Werk.

    Liebe Grüße, Di

    P.S. Ich war mal im Besitz einer chinesischen Weltkarte, auf der selbstverfreilich China in der Mitte liegt, so ungefähr

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    1. doimlinque Autor

      „Gebundene Sprache“, was für ein seltsames Wort für ausgerechnet die Schönheit der Worte untermalendes Werk.

      Als alter Semiotiker könnte ich jetzt darauf verweisen, dass die Beziehung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem immer arbiträr ist, es könnte theoretisch also auch von „Magniafazzula“ die Rede sein und nicht von „gebundener Sprache“. Müsste man sich eben drauf einigen können…
      Ja, nee, es ist, wie es ist. Prinzipiell drückt es aber schon etwas aus, dass in festen Strophenformen und Versmaßen, wie Venclova sie schreibt, zum Ausdruck kommt: Dass es da eben ein ziemlich starres Gerüst gibt, aus dem man auch nicht so einfach ausbrechen kann. Bei guten Dichtern ist es eben so, dass gerade in dieser Beschränkung die Größe ihrer Sprachbegabung offensichtlich wird, weil sie das Gerüst so bunt auspinseln können, ohne dass es wie Malen nach Zahlen aussieht. Wenn man sich als Leserin auf diese Dialektik einlässt, kann das ziemlich grandios wirken. Mitunter kommt es allerdings auch nur altbacken rüber oder hochtrabend lächerlich. Wie das so ist.

      Gruß, d.

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  2. justrecently

    Echte Wellen, meilenweiter Sandstrand, im Rücken sattgrüne Kiefernwälder, keine Norddeutschen weit und breit und alles unter einem spektakulären Himmel.
    Hört, hört.

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    1. doimlinque Autor

      Ach, ja. Das Schöne an so einem Blog-Account ist ja, dass man die eigenen Präferenzen und Vorurteile ungefiltert in die Welt schreien kann. (Ist gleichzeitig, das sei zugegeben, auch der große Nachteil am Internet, dass nämlich jede Hinz und Kunz es auch tatsächlich tut. Nicht aufzulösendes Dilemma.) Meine Norddeutschen sind der anderen ihre schleimigen Giftkröten, persönlich setze ich da auf leben und schleimen lassen.

      Gruß, d.

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      1. Diander

        Eigentlich sollte ich mich ja ganz still verhalten, wenn es ausnahmsweise mal nicht gegen Bayern läuft. Allerdings meine Oma selig, aus Polen Richtung Ostsee stammend, hätte „perunje“ gemurmelt. *wiederwegduck*

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        1. doimlinque Autor

          Wieso gegen Bayern? Da läuft bei mir gar nichts!
          Und von Polen muss man mich auch nicht überzeugen (heißt es nicht ‚peronje‘?). Die Halbinsel Hel ist ähnlich schön wie die Kurische Nehrung, wennsdemichfrägst. Hauptsache keine Norddeutschen.

          Gruß, d.

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          1. Diander

            Ich glaub, da gibt es ganz unterschiedliche Schreibweisen, pieronje, peronje, perunje, pjeronje. Meine Oma hat es jedenfalls immer irgendwie wie „pürunje“ gemurmelt.
            Grüßle, Di

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