There’s a world going on underground

Nichts ist vorbei, wie man es auch wendet und dreht. Jahrhundertelang stellte die Sklaverei ein zentrales Element der nordamerikanischen Gesellschaft dar, zunächst in den Kolonien unter der Herrschaft europäischer Königshäuser und schließlich in den unabhängigen Staaten im Süden der USA. Mitmenschen wurden wie Nutztiere behandelt, gefoltert, vergewaltigt und ermordet. Während Sklaven die junge Republik mit ihren eigenen Händen aus dem Boden stampften, wurde ihnen in der geltenden Rechtsprechung noch das letzte bisschen Menschenwürde abgesprochen. Auf die Emancipation Declaration und die offizielle Abschaffung der Sklavenhaltung 1865 folgten weitere rund hundert Jahre sogenannter Jim Crow laws, in denen die strikte Rassentrennung und strukturelle Benachteiligung afro-amerikanischer Bürgerinnen und Bürger juristisch abgesegnet wurde.

Während das Civil Rights Movement schließlich für weitgehende gesetzliche Gleichstellung sorgte, weisen auch heute, über 50 Jahre später, beinahe alle relevanten Statistiken – etwa die jeweiligen Durchschnittswerte was Lebenserwartung, Bildungszugang und Einkommen betrifft – eine überwältigende Mehrheit der afro-amerikanischen Bevölkerung als Verlierer des amerikanischen Traums aus. Die Wahrscheinlichkeit etwa, dass eine afro-amerikanische Frau ermordet wird, liegt aktuellen Studien zufolge über drei Mal höher als bei ihren weißen Pendants. Jeder dritte afro-amerikanische Mann wird im statistischen Mittel mindestens einmal in seinem Leben zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden, die entsprechenden Werte für weiße Männer liegen bei einem von siebzehn. Militärisch hochgerüstete Polizeibrigaden terrorisieren dunkelhäutige Mitbürger und können vor den Gerichten mit Milde auf Seiten von Richtern und Geschworenen rechnen. Und so weiter und so fort.*

Lange nicht alles davon lässt sich mit dem Verweis auf durchaus bestehende, hausgemachte Probleme innerhalb der black community vom Tisch fegen – die color line, vom einflussreichen Aktivisten W.E.B. Du Bois zum entscheidenden Problem der US-amerikanischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert erklärt, bleibt weiterhin bestehen, allen tatsächlichen Fortschritten zum Trotz. Der große Unterschied im 21. Jahrhundert im Vergleich zu früheren Jahrzehnten scheint vor allem darin zu bestehen, dass man sich neuerdings im Weißen Haus wieder getraut, den eigenen Rassismus mehr oder minder offen zu paradieren. Nichts ist vorbei. Nicht annähernd.

So bleiben, als bittersüßer Nebeneffekt, die Sklaverei und die Narben, welche sie hinterlassen hat, ein ergiebiger Steinbruch für die Künste. Musiker, Maler und Schriftsteller bedienen sich in ihren Werken des Stoffes und können sicher sein, einen nationalen Nerv zu treffen, der verlässlich zucken wird. Man arbeitet sich ab an dem, was nicht aufgearbeitet ist. Wilde Fiktion wider alternative Fakten! Dies ist umso wichtiger, als das Land sich weiterhin schwertut, dem Narrativ der heldenhaften weißen Siedler, die gottesfürchtig und zugleich unter dem Banner aufklärerischer Ideale dem Kontinent nichts als Segen brachten, eine wahrhaftigere Selbstreflexion entgegenzusetzen. („Most of my heroes don’t appear on no stamps: sample a look back, you look and find nothing but rednecks for 400 years if you check”, wussten bekanntlich schon Public Enemy.)

Geschehenes Unrecht von dem Ausmaß, um das es sich bei der Sklaverei handelte, lässt sich eben nicht unter den Teppich kehren. „My yesterdays walk with me“, wie es der britische Romancier William Golding in einem etwas anderen Kontext und auf das Individuum bezogen einmal ausgedrückt hat. „They keep step, they are grey faces that peer over my shoulder.“ (Faulkners zu Tode zitierte nicht vergangene Vergangenheit sei hier ein einziges Mal außen vor gelassen.) Eines dieser stierenden Gesichter von gestern, die Golding beschwört und die gewissermaßen auch den modernen USA über die Schulter schauen, gehört der Protagonistin aus Colson Whiteheads Roman The Underground Railroad. Der Versuch, die Vergangenheit abzuschütteln und das trotzdem beständige Gefangenbleiben im Netz des Rassenhasses ist in diesem Buch zu einer bemerkenswerten Erzählung geronnen.

Cora schuftet zu Beginn der Handlung als Sklavin auf einer Baumwollfarm in Georgia, auf der die Teenagerin so ungefähr alle Greueltaten, die man gemeinhin mit der Sklaverei verbindet, am eigenen Leib erfährt. Der Roman schildert nun auf über 350 Seiten ihre Flucht von der Plantage, quer durch mehrere Südstaaten, in denen weiße Eliten die schwarze Bevölkerung auf jeweils unterschiedliche Art und Weise drangsalieren, ausbeuten und abschlachten. Fluchtgefährten bleiben auf der Strecke und sterben qualvoll. Helfende Hände bringen sich selbst in Lebensgefahr. Ein Obersklavenjäger, der Cora die vor Jahren geglückte Flucht ihrer Mutter persönlich übelnimmt, fängt sie nach Monaten wieder ein, bis sie sich erneut befreien kann und zuletzt auf einer Farm in Indiana – einer Art schwarzen Kommune – in vermeintlicher Sicherheit landet. Aber dies ist – siehe oben – keine Fabel, an deren Ende sich alle erleichtert den Schweiß von der Stirn wischen und das Erlebte als schaurige aber überwundene Geschichte abtun könnten. Der Schluss des Buches ist daher weit entfernt davon, als Happy End durchgehen zu können.

Auf ihrem Pfad nach Norden bedient Cora sich der titelgebenden Untergrundbahn, einem mehr schlecht als recht unter die Erde gebohrten Schienenstrang, auf dem Abwrackzüge mit unbestimmten Destinationen und zweifelhaften Lokführern nach undurchschaubaren Fahrplänen dahinrollen und das stets davon bedroht ist, von den Sklavenhaltern und ihren Schergen entdeckt und stillgelegt zu werden. Um es gleich rundheraus zu sagen: Mit dieser wörtlichen (Rück-)Übersetzung der Metapher für das lose ineinandergreifende Netzwerk an im Untergrund operierenden Hilfsposten für entlaufene Sklaven ist dem Autor ein ziemlicher Coup gelungen. (Eine Buchbesprechung des Metaphorologen Hans Blumenberg wäre, da kann man sicher sein, ein Fest geworden.) Die titanischen Anstrengungen (eine unter Todesgefahr heimlich und ohne nennenswerte Hilfsmittel in den Grund getriebene Bahntrasse!), die es im Kampf gegen das gut abgesicherte System der Sklavenhaltung zu mobilisieren galt, werden hier schlagartig und höchst einprägsam greifbar. („Magischer Realismus“, wie es in manchen Rezensionen zu lesen ist, trifft den Kunstgriff des Autors meines Erachtens nicht recht, denn Colson Whitehead erzählt nicht von übernatürlichen Eingriffen in die stinknormale Alltagswelt, sondern spinnt sich eine, immerhin mögliche, fiktive Variante der Geschichte zurecht. Dies am Rande.)

Nicht genug mit diesem treffenden Gedankenexperiment, werden auch die Gegebenheiten in den jeweiligen Bundesstaaten, die Cora bei ihrer Flucht durchquert, auf eine Weise geschildert, die sich nicht mit der wirklichen Wirklichkeit reimt und die trotzdem oder gerade in der extremen Verzerrung ein geballtes Pfund an Wahrheit vermittelt: Die hier in allen Formen und Farben durchexerzierte Gewalt verdeutlicht noch einmal, das Sklaverei – neben der sicher nicht zu unterschätzenden ökonomischen Komponente der Ausbeutung – in erster Linie schlicht und einfach eine Form von langsam vorangetriebenem Völkermord darstellt. Ist Georgia noch die „klassische“ Baumwollplantagenhölle, wird in South Carolina heimlich, still und leise ein umfassendes Euthanasieprogramm an der afrikanischstämmigen Bevölkerung in Ausführung gebracht, das mittelfristig alle Rassenkonflikte „endlösen“ soll. In North Carolina hingegen wird gewissermaßen mit offenen Karten gespielt: Hier baut man an einer Gruselallee, die links und rechts meilenweit flankiert wird von aufgeknüpften und gekreuzigten Opfern der Lynchjustiz.

Das alles macht die Lektüre sehr wuchtig und vielleicht reichen Whiteheads wohlüberlegte Erdichtungen tatsächlich, um aus The Underground Railroad einen großen Roman zu machen. Der lässig gewonnene Pulitzer Prize und zahllose euphorische Rezensionen in der internationalen Medienlandschaft sprechen in jedem Fall eine deutliche Sprache. Und Whiteheads offensiv erfinderischer Blick auf die Geschichte ist wie beschrieben und ganz unabhängig vom Sujet des Buches ein starkes Statement. (Auf dem Holzweg sehe ich die Positivisten unter den Romanciers, die metikulös recherchierte Fakten aneinanderreihen, ohne Sinn für den Gehalt des Stoffes unter ihren Fingern.) Mir bleiben dennoch Zweifel, was am Ende des Tages natürlich in erster Linie mein eigenes – und ganz unerhebliches – Problem darstellt.

Es mag an meiner erzteutonischen Lesehaltung liegen, aber mehr als einmal habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, dass ein so episch angelegter Roman gerne auch mit einer epischeren Sprache aufwarten dürfte. Der Stoff scheint geradezu gemacht für eine dieser wild fabulierenden Erzählerstimmen im Stil des 19. Jahrhunderts, die ihre Schachtelsätze immer erst dann ausklingen lassen, wenn ihnen nach etlichen eingeschobenen Ellipsen irgendwann die Puste ausgeht. Derlei findet sich nicht in The Underground Railroad, was zugegebenermaßen auch nicht zwingend so sein muss. Gleichzeitig vermisse ich dann aber wiederum den konzis feingeschliffenen Reporterstil der aneinandergereihten Hauptsätze, den man im angelsächsischen Sprachraum so schätzt. Whiteheads Sprache ist nach meinem Empfinden nicht ent noch weder, sie ist – was sich ausgeschrieben viel vernichtender liest, als es hier gemeint ist – mehr als nur ein wenig beliebig. Und das ist bei der großartigen Anlage dann doch ein ziemliches Ärgernis. Was Sprachmagier wie Toni Morrison oder der oben verkappt in den Text gemogelte Faulkner wohl damit angestellt hätten, deren Romanen man ablauscht, dass jedes einzelne Wort wohlüberlegt abgewogen worden ist?

Die stilistische Blässe geht einher mit einer weiteren Leerstelle, die noch etwas wesentlicher ins Gewicht fällt: Man muss nicht gleich einen ganzen Adjektivbauchladen plündern, um Romanfiguren zum Leben zu erwecken, aber ein wenig mehr Farbe hätte Whitehead seinen Protagonisten ruhig gönnen können. Das gilt zunächst und vor allem für Cora, der man auf hunderten von Seiten verwegener Flucht in die extremsten Situationen folgt und die am Ende trotzdem ein ziemlich unbeschriebenes Blatt bleibt. An Lebendigkeit und Konturenschärfe ist das in jedem Fall meilenweit entfernt etwa von einem Huckleberry Finn, um hier gleich mit einem der prominentesten Ausreißer der US-amerikanischen Literatur die Messlatte womöglich ein wenig hoch zu hängen.

Nicht zu sprechen von den Nebenakteuren, die in The Underground Railroad allesamt hölzern und blutleer wirken. Dabei ist Whitehead sichtlich bemüht, Licht auch auf die Seitenpfade jenseits von Coras Fluchtweg zu werfen, indem er dem einen oder anderen Charakter eigene Minikapitel widmet. Die entsprechenden Erzählstränge aber verharren an der Oberfläche und die Figuren bleiben schablonenhaft. Der Kopf der Sklavenjäger zum Beispiel, der wohl als diabolischer Erzfeind daherkommen soll, lässt mich in seiner Plattheit ganz ungemein kalt, ebenso wie jener auf den letzten Seiten des Buchs auftretende Retter in der Not, für den es immerhin noch zu einer kitschigen Sexszene in Coras Tagträumen reicht. (Was wiederum Hollywood sehr freuen wird. Die Filmrechte sind dem Vernehmen nach bereits vergeben und Softporno peitscht die Verkaufszahlen in aller Regel nach oben.)

Und zuletzt tappt der Autor dann doch im hinteren Teil des Romans an manchen Stellen in die Pamphletfalle und lässt seine Figuren Sprechblasen aus den Geschichtsbüchern aufsagen. Wenn, um ein Beispiel herauszugreifen, wiederholt der „American imperative“ als „conquer, build, civilize, destroy, subjugate“ dekliniert wird, ist das zwar eine griffige Formel aber als glaubwürdiger Dialogfetzen einer realen Unterhaltung ziemlich abwegig. Zumal Whitehead in anderen Fällen viel gewandter zeigt, wie Prosa schlagende Bilder liefern kann, ohne zugleich aufgesetzt zu wirken. Die Anekdote vom Sklavenjungen etwa, dem von seinem Besitzer beigebracht wurde, den Text der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung auswendig aufzusagen und der mit seinen Rezitationen auf Abruf für einige Zeit eine exotische Attraktion auf den Plantagen darstellt, bis die weiße Kaste sich gelangweilt abwendet und der Junge zu Tode geprügelt wird, fügt sich zum einen nahtlos in die Erzählung und ist zum anderen eine mehr als eindrucksvolle Parabel.

Übrig bleibt ein gemischter Leseeindruck, in dem am Ende wohl doch das Positive überwiegt: Ich würde The Underground Railroad sofort und ohne Zögern weiterempfehlen, allein die Abfahrt in den Untergrund lohnt die Lektüre. Gleichzeitig halte ich vor Superlativen strotzende Lobhudeleien für ihrerseits maßlos überzogen. Colson Whitehead hat einen ziemlich guten Roman geschrieben, der auf dem Weg zum Überflieger irgendwie die Abzweigung ins obere Mittelfeld genommen hat. Nicht mehr und nicht weniger. In einer Zeit, die hingebungsvoll dem Extremen huldigt, scheint mir das beinahe ein Prädikat besonderer Güte zu sein.

 

doimlinque

 

***

 

Bow Down

 

Das übliche Blabla: Im vorigen Herbst schlossen sich die Pforten des Museum Arnhem für das Publikum, da in den kommenden zwei Jahren – vorsichtige Schätzung – ein neuer Anbau gewuppt und die ständige Sammlung neu aufgestellt werden sollen. In den Wochen vor der Schließung wurden in einer Sonderausstellung (fast) alle in den letzten Jahren neuerworbenen Arbeiten in einer großen Rotunde vorgeführt, was einen heiteren Überblick über das Schöne, Hässliche und Affige aktueller Kunstströmungen in der westlichen Welt zeitigte, wie es sich selbst in einem kleinen Haus in der Provinz zu manifestieren weiß. Erklärter Sammelschwerpunkt sind schon seit Jahren die Werke junger (will sagen: lebender) Künstlerinnen. Von diesem Schwerpunkt kann man nun halten, was man will. (Offensichtlichstes Plus: Sowohl Damien Hirst wie auch Jeff Koons und Jonathan Meese müssen draußen bleiben. Bei Fra Angelico steht das Verdikt der Jury noch aus, war/ist schließlich ein Engel.) Immerhin aber ergab sich so für mich die Gelegenheit, endlich einmal einen großformatigen Scherenschnitt der US-Amerikanerin Kara Walker aus der Nähe zu betrachten. Live und in schwarz-weiß, sozusagen. Wie es sich für gescheite Kunst gehört, sind Walkers Arbeiten durchaus umstritten und wird ihre Art der Auseinandersetzung mit Sklaverei und ihren Folgen mitunter kontrovers diskutiert. Manchen ist es zu drastisch, anderen gerade nicht drastisch genug und wiederum andere zucken mit den Achseln und suchen mit ihrer Neuesterheißerscheißapp nach der nächsten Durchsdorfzutreibendensau. Ich fand’s jetzt ganz gut, um das hier auch einmal festzuhalten. Vor allem aber wurde ich daran erinnert, dass ich mir eigentlich schon vor einiger Zeit vorgenommen hatte, das vielgepriesene neue Buch von Colson Whitehead durchzuackern. Wie traf es sich da, dass sich eben dieses Buch vollkommen unverhofft auf dem weihnachtlichen Gabentisch wiederfand, und ich also dem einmal gefassten Gedanken Taten folgen lassen konnte. Wie das manchmal so geht… Zugleich war mit dem Betrachten der Walkerwerke auch die Richtung für die Illustration vorgegeben. Hinter der Silhouette des knienden Footballers möge man sich ein Mitglied der Denver Broncos denken – für alle anderen Teams spielen, wie jede weiß, nur dahergelaufene Pussies.

 

 

* Weiße Männer stellen etwa 31 % der US-amerikanischen Bevölkerung, sind aber im Besitz von über 60 % der (registrierten) Feuerwaffen. Irgendwie muss man sich ja verteidigen.

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4 Gedanken zu „There’s a world going on underground

  1. Diander

    Ein sehr schönes Einkreiseln des Themas, weit ausgeholt und dann auf den Punkt gebracht. Ich glaube, das Buch neulich hier auch liegen gesehen zu haben, rein optisch sind die ja schon von weitem zu erkennen. Irgendwie scheint die Aufmachung von Covern von Land zu Land unterschiedlichen Geschmäckern zu unterliegen, deucht mir.

    Und um ein wenig Musik zum Thema beizutragen: Ich bin neulich mal wieder beim Surfen als alte Aretha Franklin– Fanin auf eine kurze Aufnahme zum Gedenkgottesdienst/ Begräbnis von Martin Luther King gestoßen, scheint mir hier eine passende Stelle zum Teilen.

    Liebe Grüße, Di

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    1. doimlinque Autor

      Ich erinnere mich noch ganz genau an die Reizüberflutung, als ich zum ersten Mal eine amerikanische Buchhandlung betreten habe. Mich hat es an Bonbonpapier erinnert, grell und bunt, mit metallic-schillernden Farben, die – zumindest damals – auf teutschen Ausgaben undenkbar waren. Und ausgestanzte Lettern kannte ich bis dahin wohl auch nicht von meinen Taschenbüchern. Lustigerweise sehe ich da Ähnlichkeiten zu typischen Aufmachungen bei russischen Ausgaben, die vielleicht noch ein wenig mehr wie Ikonen wirken (weil Vorurteile eben auch dazugehören).

      Covergestaltung unterliegt jedenfalls nicht nur dem Zeitgeist sondern absolut auch den jeweiligen Kulturkreisvorlieben und gehören so zu den interessanten kleinen Markern, an denen man ganz viel ablesen kann über ein Völkchen. Ein wenig habe ich aber den Eindruck, dass sich auch hier alles langsam angleicht.

      Und eine ganz schröckliche Unsitte, die man inzwischen überall findet, sind die bereits auf das Cover gedruckten Kritikerlobgesänge – aus dem Zusammenhang gerissene Wortfetzen, die in ihrer Austauschbarkeit hohler nicht sein könnten und jedes noch so schöne Cover verunzieren. Textklappenrezensionen, bläch! Scheinbar muss wirklich noch der letzte freie Oberflächenquadratzentimeter zur Werbefläche werden.

      Sänkjuforsemusic!

      Gruß, d.

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  2. justrecently

    Es mag an meiner erzteutonischen Lesehaltung liegen, aber mehr als einmal habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, dass ein so episch angelegter Roman gerne auch mit einer epischeren Sprache aufwarten dürfte.

    Epischer als Storm ist mir schon zu üppig. Sparsam wie die Nachkriegszeit – das scheint mir angesichts des Themas eine gute Wahl zu sein.

    Gleichzeitig halte ich vor Superlativen strotzende Lobhudeleien für ihrerseits maßlos überzogen.

    Ja, aber so macht man es. (Mein überschaubarer Blog hat auch schon ein paar unsittliche Angebote von überschaubaren Verlegern gekriegt.)

    Ich bin sicher, es werden immer noch viel zu viele gute Manuskripte eingereicht, als dass sie alle genug Aufmerksamkeit erhalten könnten. Es kann nur zwei bis drei pro Sommer geben.

    Ist devastating („The Guardian“, Abbildung Einband) eigentlich Epik in einem Wort, oder ist es noch nicht einmal eine Sprechblase? Fix und Foxy waren ausführlicher.

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    1. doimlinque Autor

      Epischer als Storm ist mir schon zu üppig.

      Bin selbst großer Storm-Fan und liefere zum Beweis ein Zitat aus einem Blog von vor gefühlt 83 Jahren:
      Im Kanon deutschsprachiger Erzähler nimmt Theodor Storm einen der oberen Plätze ein, kaum, dass ihm im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert einer das Wasser reichen konnte. Jedenfalls wenn man mich fragt. Nirgendwo ist die Marschlandschaft rauer und braust das Meer wilder als in den Zeilen des alten Amtsrichters aus Husum.
      Nur, um dass noch mal zu klären…
      Storm empfinde ich nun aber gerade als großen Meister der Sprache, nicht umsonst ist er auch ein ziemlich prominenter Lyriker gewesen. Er parliert nicht so geschraubt daher, wie mancher seiner Zeitgenossen (meine das gar nicht negativ), trotzdem sind seine Sätze auch keine simplen Subjekt-Prädikat-Objekt-Geschosse. (Ob er übrigens für einen richtig langen Schmöker auch immer den guten Ton getroffen hätte oder ob es nicht auch seinen Grund hat, dass er die Novelle zu seiner Hausmarke gemacht hat, wäre ein schönes Streitthema.)

      Sparsam wie die Nachkriegszeit – das scheint mir angesichts des Themas eine gute Wahl zu sein.

      Einer der barockesten deutschsprachigen Verzähler ist der in der Nachkriegszeit zu Weltruhm gelangte Günter Grass… Davon ab ist das natürlich eine Meinung, die mindestens genau so viel Berechtigung hat, wie meine Sehnsucht nach einem etwas getrageneren Ton in The Underground Railroad. Am Ende bleibt es Geschmacksfrage. Ich bin aber auch überhaupt nicht festgelegt auf diesen oder jenen Tonfall. Zu meinen Lieblingsbüchern gehören die Philip Marlowe-Krimis von Raymond Chandler, und der schreibt nun wirklich so sehr à point wie Hemingway es sich für seine Romane höchstens hat wünschen können. Alles kann schön und stimmig sein. Beliebigkeit, wie ich sie Colson Whitehead vorwerfe, finde ich aber immer blöd.

      Gleichzeitig halte ich vor Superlativen strotzende Lobhudeleien für ihrerseits maßlos überzogen.

      Ja, aber so macht man es.

      Das könnte jetzt eine ganze Tirade an Kulturpessimismus meinerseits triggern. Aber derlei ist ja in der Regel auch nur langweilig und vorhersehbar und kommt immer so ein wenig von oben herab daher. Selbst nach Möglichkeit nicht in diese Richtung zu gehen ist vermutlich das beste, worum man sich bemühen kann.

      Mein überschaubarer Blog hat auch schon ein paar unsittliche Angebote von überschaubaren Verlegern gekriegt.

      Muss doch nicht schlecht sein. Vielleicht sind ja echte Fans dabei.

      Ist devastating („The Guardian“, Abbildung Einband) eigentlich Epik in einem Wort, oder ist es noch nicht einmal eine Sprechblase?

      Da passt meine Antwort an Di von oben: „[A]us dem Zusammenhang gerissene Wortfetzen, die in ihrer Austauschbarkeit hohler nicht sein könnten und jedes noch so schöne Cover verunzieren. Textklappenrezensionen, bläch!“

      Gruß, d.

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