Nada, niente, tipota… oder: Hossa, hossa!

Philosophieren heißt bekanntlich sterben lernen, aber wenn der Gedankenfluss mal wieder eben so kläglich versiegt wie der Rio Grande im Staub der Wüste, kann womöglich der Blick auf die Konkurrenz dabei helfen, den Lernprozess wieder anzukurbeln. Leitfrage: Wie kratzen denn eigentlich die andern so ab?!? Einen ganz besonders stylishen Abgang legte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Ambrose Bierce hin, für seinen morosen Zynismus bekannter US-amerikanischer Journalist und Kurzgeschichtenschreiber von einigem Renommee. Als dieser nämlich fühlte, dass seine Zeit gekommen sei, schnürte er noch einmal sein Säckel und brach auf gen Süden ins benachbarte Mexiko, allwo gerade eine Revolution tobte, die das Land von Anarchie zu Chaos und wieder zurück taumeln ließ. Ausweislich seiner letzten Briefe an die in der Heimat Zurückgebliebenen schloss sich Bierce dem Zug des famosen Pancho Villa an, und dann machte es irgendwann Plopp! und war mit einem Mal kein Lebenszeichen mehr von ihm zu vernehmen. Der Gringo entschwand in einem schwarzen Loch des Weltgeschehens, danach nichts mehr oder besser: nada…

Die Lücken, die das Leben lässt, werden zur besonders üppigen Spielwiese für die Fabulierfreudigen, und so muss es fast schon Wunder nehmen, dass es bis zum Jahr 1985 dauerte, bis sich endlich ein Romancier dieser Steilvorlage der Geschichte anzunehmen versuchte und sein Garn auf den Markt warf. Der alte Gringo von Carlos Fuentes versucht, eine Abenteuergeschichte um die letzte Reise des vom Autoren offensichtlich bewunderten Bierce zu spinnen. Mit wechselhaftem Erfolg.

Mit wenig mehr als ein paar Büchern in der Satteltasche – eigene Werke wie auch den Don Quixote – macht der (zunächst namenlose) altgewordene Hommes des Lettres rüber ins wilde Mexiko, wo er den Tod und das Abenteuer sucht, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Fasziniert vom Guerillakrieg aber doch innerlich ein wenig entrückt gehört er alsbald zum Gefolge des Generals Arroyo, einem Gewährsmann Pancho Villas, der im Norden des Landes die alte, feudalistische Ordnung bekämpfen soll und in einem gekaperten Zug durch die Wüste zuckelt. Als erste Amtshandlung wird eine riesige Hacienda dem Erdboden gleichgemacht. Einzig den überkandidelten Tanzsaal mit seiner Spiegelwand lässt Arroyo stehen, im Nachgang wird dies der Schauplatz symbolisch schier unglaublich aufgeladener Beobachtungen.

Eine der wenigen am Leben gelassenen Bediensteten ist die unlängst aus Washington, D.C. arrivierte Harriet Winslow, die für die Bälger der längst geflohenen Haciendabesitzer die Hauslehrerin hatte geben sollen. Ihres eigentlichen Verweilgrundes im exotischen Ausland beraubt, kann sich die Nordamerikanerin doch nicht dazu durchringen, sogleich wieder in die miefige Enge ihres alten Lebens im zivilisierten Norden zurückzukehren. So entspinnt sich schnell die etwas verquere Dreiecksgeschichte zwischen dem schon wie untot dahinwandelnden alten Gringo, dem von der Last seines eigenen Chauviseins schwer gebeutelten General Arroyo und der von beiden Gockeln begehrten, naiv-unschuldig daherkommenden blonden Perle aus den US of A. Zusätzlich belastet wird die Chose, weil sowohl der General wie auch die Lehrerin in dem alten Schriftsteller ihren jeweils eigenen Vater wiederauferstanden zu sehen vermeinen, mit all der dazugehörigen Hassliebe, von der uns die Psychopathologen ein Lied zu singen nicht müde werden. 

Die erotische Spannung, welche die drei Protagonisten umflort, ist jedenfalls gar nicht mehr auszuhalten, bis…ja, bis sie sich schließlich entlädt in einem denkwürdigen Liebesakt zwischen Harriet und Arroyo. Da werden keine Gefangenen gemacht, die Kombattanten in dieser Matratzenschlacht gönnen einander nicht den Hauch von Pläsier. Man muss das einfach mal ausbuchstabieren: Sie möchte nichts lieber, als sein Sperma schlucken, er will ihr diesen Erfolg aber nicht gönnen. Ha! Man kennt das. Kostprobe:

„Mit einem wilden, kehligen Laut stieß sie ihn von sich, dem schlimmsten Laut, der jemals aus ihr herausgekommen war (sagte sie sich und denkt zurück), als sie die steife Natter ausspuckte, die ihr in die Lippen biß und um die Wangen schlug, sie mit einem harten Klatschen peitschte, und sie schrie: Was ist los mit dir, was fällt dir ein, so zu sein, wie du bist, du beschissener brauner Schwanz, warum verweigerst du einer Frau einen so schrecklichen und großartigen Augenblick, wie du ihn vorher dir genommen hast?“

Was soll man dazu sagen? Am besten, wiederum: nada…

Neben dem Geschlechtsverkehr auf Weltklasseniveau wird in diesem Roman vor allem viel nachgedacht und reflektiert und besinnlich gegrübelt und sich erinnert. (Tatsächlich ist der Text an sich eine Kette ineinander verschränkter Rückblicke, ein „Staub der Erinnerung“, wie es gleich zu Beginn einmal heißt.) Seiten- und Kapitellang wird die Essenz des Mexikanertums erörtert und gegen jene des Yankeetums aus dem Norden abgegrenzt. Der Tod des alten Gringos ist dann – ebenso wie der Arroyos – nach all dem Gedankenwälzen fast nur noch eine Formalie. Pancho Villa erlebt einen kleinen Cameoauftritt und auf Harriets Betreiben hin wird noch einmal ein wenig Buhei um die Bestattung der sterblichen Überreste von Papa Gringo veranstaltet, aber das interessiert wirklich nur noch die Tapfersten unter den Leserinnen.

Die Weinbeeren versuchen sich derweil krampfhaft daran zu erinnern, wie noch mal der Preis hieß, der für die schlechtesten Sexszenen in der Welt der Literatur verliehen wird, und ob Autoren auch postum für diese Weihen vorgeschlagen werden können.

 

Diander: So, ist der Mezcal schon warm gestellt?

doimlinque: Finger in die Wunde, wa? Wahr ist, dass diese Lektüre auf nüchternen Magen nur schwer (v)erträglich war. Oder was sagen Madame?

Diander: Boah, ja, was hat uns denn da geritten? Ich war wirklich ernsthaft das allererste Mal geneigt, das Buch in die Ecke zu schmeißen und nicht fertig zu lesen. Ich muss gestehen, dass ich gegen Ende echt nur noch diagonal gelesen habe, Herr, mach ein Ende, oder so. Oder um es mit dem Gringo zu sagen: Ich will sterben.

doimlinque: Ich hatte ja Rosamunde Pilcher vorgeschlagen, nur, um das noch einmal festzuhalten. Aber nein… Diagonal gelesen? Dann sind Dir womöglich die oberschlüpfrigfremdschämpeinlichen Sexszenen unter den Augen entwischt, nein? Die hatten nämlich höchsten Unterhaltungswert, fand ich, wenn auch womöglich nicht in dem tiefschürfenden Sinne, den Fuentes wahrscheinlich vor Augen hatte. Im Ernst: Es war hart. Aber wir sollten das Maultier nicht von hinten aufzäumen. Die Grundidee für den Plot finde ich nämlich eigentlich ziemlich gelungen. Da hat Fuentes mit dem Gespür des großen Romanciers sich eine ziemlich steile historische Vorlage ausgeguckt, deucht mir. Die Umsetzung ist dann freilich gerade im hinteren Drittel uärgs, ja.

Diander: Ich meine, mich dunkel zu erinnern, dass der Fuentes *räusper* nicht meine Wahl war, ha. Aber Du hast schon recht, der Ansatz hat sich tatsächlich erst mal vielversprechend angehört, eine Story rund um den mysteriösen Tod von Bierce zu stricken. Und um gleich mal zu Beginn ins Rennen zu schmeißen, ein Titelheld, dessen Rolle in der Verfilmung the one and only Gregory Peck spielt, kann ja per se nicht schlecht sein.

doimlinque: Grrrrrrregory Peck! Yes!

Diander: Ich meine mich ebenso zu erinnern, dass ich schon mal irgendwo behauptet habe, dass ich den zu Lebzeiten in jedem Alter geheiratet hätte, selbst in so fortgeschrittenem wie hier. Schamälz! Nein, die Story also ist gut, aber die Umsetzung… Ich fand es einen fürchterlichen Mangel an Handlung, die ganze Chose wird ja fast durchgehend in irgendwelchen wechselnden Retrospektiven, ellenlangen, halbseitigen Sätzen und schwülstigen Landschaftsschilderungen erstickt.

doimlinque: Tja. Wo anfangen? Also, ich habe schon Bücher gelesen, die waren ähnlich arm an äußerer Handlung und haben mir trotzdem gut gefallen, das allein würde ich also gar nicht unbedingt bemängeln wollen. Es kommt dann eben alles auf die spannenden Gedankengänge an, und die sind hier tatsächlich hanebüchen. So ein toxischer Mix aus Machismo und kitschig-verquasten Klischees über die entgegengesetzten Seelen von Mexikanern und Amerikanern und Zivilisation und animalische Wildheit und hier und da. Und schlechtem Sex. Jesses, wie grausam ist diese Sexszene mit dem jungen General und der Lehrerin. Ich weiß nicht, ob ich jemals so etwas Unterirdisches gelesen habe. Ever.

Diander: Mariachi-Folklore, das ist das Wort. Obwohl ich gerade im Bezug auf die derzeitige Situation an der mexikanischen Grenze so innerlich dachte, dass das Staatsoberhaupt mit den größten je bei einer inauguration anwesenden Menschmassen gar nicht so weit weg von dieser negativen Folklore ist.

doimlinque: Herzlichen Glückwunsch! Ein geneigter Leser mehr.

Diander: Jemineh, Herr steh uns bei. Und nu zu der Sexszene: man / frau weiß gar nicht, was man /frau dazu sagen soll. Man liest es ungläubig und denkt sich „Fuentes, Fuentes, in Deinem Kopf möchte man nicht wohnen, nicht mal zu Besuch kommen“.

doimlinque: By the way: Hast Du den Film eigentlich gesehen? Ich nämlich nicht bzw. nur in Auszügen. Ich frage mich, wie man diese Handlungsarmut auf der einen und die Hallodrisexszene auf der anderen Seite auf die Leinwand gezaubert hat. Und was Jane Fonda bewegt hat, die Rolle anzunehmen. Jedenfalls, um vielleicht auch mal inhaltlich was zu sagen, stelle ich mir den Sex in dieser Form so wahnsinnig anstrengend vor, wenn man immer im Hinterkopf irgendwelche Abwägungen über Machtverhältnisse der Liebenden anstellen muss.

Diander: Ja, fürchterlich. Obwohl es ja solche Trigger geben soll, siehe Stockholm Syndrom. Was mir aber dabei zusätzlich auf die Nerven ging, waren die wechselnden Hintergrundgedanken (oder eher Vordergrund), mal ging es beim Sex um Harriets Vater, dann Arroyos Mutter, Arroyos Vater, dann wieder den Gringo, den man retten wollte, hinterher war dann das Motiv und die Begründung dafür wieder eine andere. Egal, wurscht.

doimlinque: Mich hat es insgesamt ziemlich schnell genervt, dass alles und jedes so wahnsinnig überhöht und symbolisch aufgeladen daherkommt. Da ist der Sex nur die Spitze des Eisberges, wo eben nicht nur der General und die Lehrerin zusammenkommen, sondern quasi eine epische Schlacht zwischen Mann und Frau und Mexiko und den USA ausgefochten wird. Jede noch so kleine Aktion, jedes Wort der Protagonisten wird den ganzen Roman hindurch auf (pseudo)tiefgründige Bedeutungen abgeklopft, immer geht es um das große Ganze. Auf mich wirkt das ermüdend, mehr als alles andere. Völlig überfrachtet.

Diander: Naja, wenn man den eigentlichen Ansatz nimmt, ein Buch über Leben und Tod zu schreiben, dann wären ein paar tiefschürfende Bedeutungen nicht schlecht, aber selbst die fehlen mir. Außer, dass gefühlt 1573mal erwähnt wird, dass der Gringo kam, um zu sterben. Aber um noch mal auf den mexikanisch-amerikanischen Zwist zurückzukommen: Der kommt einem schon ein wenig näher, der Feudalismus, von den Vereinigten Staaten sicherlich gefördert, der über Jahrhunderte herrschte und die jetzige Situation immer noch prägt. Und um nochmal eine übersprungene Antwort zu geben. Nö, ich habe den Film auch nicht gesehen. Nur einige versprengselte youtube-Ausschnitte, die aber auch den Eindruck vermittelten, dass da viel Mariachi-Tümelei am Werke war. Natürlich abgesehen vom groooßartigen Gregory Peck, den ich sehr verehre, was ich – glaube ich – noch nicht erwähnt habe.

doimlinque: In einer idealen Welt würde er die Academy verklagt haben können für den Umstand, dass man ihm nicht noch mal einen Oscar angewanzt hat, zweifellos. Das Verhältnis der Mexikaner und US-Amerikaner wird beleuchtet und ich hatte manchmal regelrecht das Gefühl, Fuentes schreibe in allererster Linie für den US-amerikanischen Markt. Aber es kommt eben nach meinem Empfinden alles so platt daher, heruntergebrochen auf so billige Rollenverteilungen aus der Mottenkiste. Und generell stört mich dieses Gewese um die Nation und Nationalität. Als ob das ontologische Größen wären, die jedem Individuum in die Seele gestanzt wurden bei der Geburt links oder rechts von der Grenze. So nach dem Motto: Mexikaner sind so, Amerikaner sind so, die Hottentotten sind so. Und auf gar keinen Fall anders. Armselig finde ich das. Und über mehrere hundert Seiten Romanlektüre durchgehalten vor allem auch öde.

Diander: Hat ein wenig was von schlechten Western, ja. Gute Greenhorns, böse Apachen. Oder umgekehrt. Sehr schlicht, um höflich zu bleiben.

Noch mal zum Film: Ich habe mich ehrlich bemüht, ihn irgendwo zu ergattern. Aber vergeblich, nada, niente. Und mit dem Buch ist es mir zu Beginn ähnlich gegangen. Seit gefühlt 20 Jahren ist das Œuvre hier nicht mehr über irgendeinen auch noch so kleinen Verlag besorgbar. Einfach eingestampft. Und das bei einem Autor, bei dem anzunehmen wäre, dass er nach wie vor von Rang und Ansehen ist. Ich konnte es schier nicht fassen. Lediglich meine kleine Buchhandlung vor Ort hat sich die Mühe gemacht, ein Secondhand Exemplar aus den Weiten des Netzes für mich zu bestellen. Was ich im Übrigen als einen tollen Service empfand, ich meine, daran verdienen sie schließlich nichts.

doimlinque: Dafür schaltest Du jetzt Werbeparolen für lau, das werden die mit eingerechnet haben. Ja, in der Tat, ich habe mich auch ziemlich gewundert (bevor ich den Kladderadatsch dann mal gelesen hatte!), Fuentes ist doch ein ziemlich großer Name. Meine Secondhand-Ausgabe ist dafür wirklich ein schönes Büchlein aus der Bibliothek Suhrkamp mit dem klassischen Fleckhaus-Design. Von 1998. Die Übersetzung holperte allerdings an manchen Stellen schon gehörig, da ist von „Lateinern“ die Rede, was Lateinamerikaner nun wirklich nicht so ganz trifft, und so einiges andere.

Diander: Ha, und ich habe doch glatt eine Ausgabe von 1988 vom Verlag Volk und Welt, printed in the German Democratic Republic von INTERDRUCK erwischt. Dass ich das noch erleben darf! Meine Übersetzung scheint etwas besser zu sein, von einer Maria Bamberg, bei der mir zumindest keine derartigen sprachlichen Verfehlungen aufgefallen sind. Außer natürlich die originär vorhandenen von Fuentes, für die die Übersetzung ja nichts kann. Haben wir schon die Sexszenen erwähnt?

doimlinque: Die sind der Hammer, ja, da geht’s richtig zur Sache! Es ist, denke ich gerade, mit dem Sex das Gleiche wie in diesem Ringen zwischen dem alten Gringo und dem jungen, virilen General der Revolution: Es wird alles so schwer erträglich durch dieses blöde Gockelgehabe. Weißte? Diese ständigen Schwanzvergleiche (wobei das in der eigentlichen Sexszene zwischen General und Lehrerin eben in einen Ländervergleich umgewandelt wird). Die müssten sich alle mal locker machen, war mein verstärkter Eindruck.

Diander: Naja, in so einem Häuserkampf mag vielleicht schon mal Schwanzvergleich geholfen haben.

doimlinque: In einem Häuserkampf? Ja, sehr praktisch, in so einer Situation. Doch. Schon.

Diander: Ja klaro, ging doch damals immer um so was. Immer einen mehr als er.

doimlinque: Das Beste ist, und dafür muss man das Buch fast wieder loben, dass der Gringo dann tatsächlich nur wegen dieser Machokinkerlitzchen stirbt.

Diander: Aber da war ich ja dann völlig fassungslos, schießt ihn Arroyo meuchlings in den Rücken, der Feigling, dann holen sie ihn wieder aus dem Grab, stellen ihn noch mal an die Wand und erschießen ihn dann noch mal von vorne, um den Schein zu wahren. Ja glaub ich ja nicht. Irre.

doimlinque: Und zu guter Letzt werden die alten Knochen über die Grenze nach Norden gekarrt, weil die Sache eben noch nicht makaber genug war, tja. Aber halt, um meinen Gedankengang, abzurunden, so einer perversen Logik folgend, dass durch dieses überspitzte Ende sozusagen die vorangegangenen Kabbeleien als affig entlarvt werden. Irgendwie. Weil es eben so ein unnötiges, unwürdiges Gebaren ist, das nun wirklich nicht mehr mit Revoluzzerromantik und mexikanischem Timbre entschuldigt werden kann. Fuentes lässt also indirekt seine Protagonisten sich selbst den Spiegel vorhalten. Wenn das denn so gewollt ist, was man allerdings auch wieder in Zweifel ziehen kann. Jedenfalls gingen meine Gedanken so in diese Richtung. Ach so: Spiegel! Wunderbares Stichwort. Diese blöden Spiegel in diesem blöden Ballsaal, wo an einem Beispiel dieses ganze Symbolikgehabe des Romans runtergebrochen wird. Oh, wie bedeutungsschwanger, Menschen schauen in Spiegel. Krass! Sie sehen sich selbst! Werden sie sich erkennen? Schalten Sie morgen wieder ein!

Diander: Well, zumindest diesen Kniff fand ich jetzt gar nicht sooo schlimm. Ein Symbol, dass es für die einen selbstverständlich ist, mit Spiegeln klarzukommen, während andere vielleicht – armutsbedingt – keine Spiegel kennen. Du hast natürlich recht, das wäre nicht nötig gewesen. Aber immerhin mal ein Nicht-Gedanke, Symbol, irgendwas.

doimlinque: Mir kommt das so pseudotiefgründig daher, meinte ich wohl, aber gut. Was so halbwegs damit zu tun hat: Ich finde schon ganz gut, dass ein wenig auf die ausbeuterische Struktur des alten Feudalsystems eingegangen wird, wo sich ein ganz paar Hanseln eben auf dem Rücken der Masse derlei Spiegelsaalschwachsinn leisten können. Und alle anderen werden geschunden, vergewaltigt, zu Tode geprügelt und was der Dinge mehr sind. Fuentes macht es auf seine verquaste Art, aber er redet darüber und zeigt das auf.

Diander: Genau das meinte ich mit der Symbolik, dafür stehen die Spiegel, purer Luxus und schöner Schein versus Gutsherrenart und Ausbeutung, der sozialkritische Ansatz spiegelt sich im Spiegel. Und die gute Harriet so als Mittelding dazwischen, verarmte Mittelschicht mit weißem Blüschen, die den armen Ausgebeuteten das Zähneputzen beibringt.

doimlinque: Puh, Harriet. Die nimmt Mexiko und seine Bewohner vor allem als Schmuddelfetischding wahr, habe ich das Gefühl. Schlimmster Exotismus, wenn Du mich fragst. Hat sie aber offensichtlich ein Stück weit geerbt, denn von ihrem Vater heißt es ja, er habe sich auf Kuba von einer scharfen Kreolenbraut verwöhnen lassen. Ich bin nicht sicher, was ich schlimmer finde: Diese Haltung oder den Umstand, dass Fuentes diese Haltung allen US-Amerikanern andichtet.

Diander: Man könnte das noch verstehen, wäre die Story annodunnomal 1912 geschrieben worden, dann wären mildernde Umstände a la “Ach Gottchen, sie wussten es nicht besser, das ganze Umfeld war so, wie bei Karl May“. Aber ein Buch, das irgendwann in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts veröffentlicht wird, mit eventuell sozialkritischem Ansatz, das sollte andere Mittel und Wege finden. Schwach für einen Fuentes.

Was ich aber noch sagen wollte: Don Quixote als eines der wenigen Bücher, die der alte Gringo mit auf seine letzte Reise nimmt, das ist schon weinbeerenwürdig, wa?

doimlinque: Ich schlage das seit Jahren vor und renne immer wieder gegen Wände aus Ignoranz und Austen.

Diander: Papperlapapp, überhaupt gar nie nicht wahr. Ich will mir das schon lange vorknöpfen, habe auch das Buch daheim. Allerdings in einer derartig grässlichen Übersetzung, dass es nicht zu ertragen ist. Also, mal sehen.

doimlinque: Das Beste, was man über den alten Gringo sagen kann, ist womöglich ohnehin das Lenken der Aufmerksamkeit auf gute Literatur. Nicht nur den Cervantes (ich bin mir übrigens nicht sicher, ob die Analogie Quixote/Gringo, die Fuentes offensichtlich deutlich machen will, wirklich aufgeht. Der Gringo ist doch schon viel zu unbeteiligt und jenseits von Gut und Böse, um mit echter Passion gegen was auch immer für Windmühlen anzukämpfen. Andere Baustelle…), sondern auch Bierce selbst. Von dem habe ich manches gerne wiedergelesen auf Anregung Fuentes. „An Occurence at Owl Creek“ ist eine Weltklasse-Kurzgeschichte.

 

Und damit beenden die Weinbeeren an diesem Abend ihr öffentliches Palaver. Weiter geht es intern mit Mezcal und vino tinto und dem Versuch, das Buch schön zu trinken. Immerhin haben sie dadurch – und das ist wenigstens 1 (in Worten: ein) guter Aspekt dieser Lektüre– neue Ansätze für echte, tofte Weltklasseliteratur für irgendwann zum Lesen.

Online haben – zumindest die Weinbeeren – das Buch nicht gefunden (wer trotz dieses Verrisses immer noch Lust hat zu suchen und was findet: gerne melden), daher diesmal kein Nachlese-Link, aber immerhin die erwähnten Film-Schnipfel:

https://www.youtube.com/watch?v=qlUwwP3qPfA

https://www.youtube.com/watch?v=TwIaT9DsSLk

https://www.youtube.com/watch?v=hXHiDsQYt6E

 

 

doimlinque und Diander

 

 

 

11 Gedanken zu „Nada, niente, tipota… oder: Hossa, hossa!

  1. doimlinque

    Gut herausgearbeitet finde ich eigentlich auch diese etwas hoffnungslos nihilistische Revoluzzerlogik, die das Land durchrüttelt: „Es muss neue Gewalt geben, um die alte Gewalt zu beenden.“ So bleibt sich die Welt doch immer hübsch gleich.

    Das Problem ist, dass Fuentes nicht wirklich die tragische Dummheit einer solchen Haltung herausarbeitet, sondern sich eher darin zu gefallen scheint, so einen klassischen Mix männlicher Toxik hochleben zu lassen, der eigentlich viel zu klischeebehaftet ist, als dass man ihn ungebrochen noch häufig dargestellt finden würde. Das Leben ist tough, ich bin tougher etc. Obendrein versperrt derlei den Blick auf die tatsächlichen Gründe für den Aufstand, obwohl die durchaus auch angerissen werden.

    Gruß, d.

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    1. Diander Autor

      Gut herausgearbeitet finde ich eigentlich auch diese etwas hoffnungslos nihilistische Revoluzzerlogik, die das Land durchrüttelt: „Es muss neue Gewalt geben, um die alte Gewalt zu beenden.“ So bleibt sich die Welt doch immer hübsch gleich.

      Diesen Satz habe ich mir tatsächlich auch als erwähnenswert angestrichen. Nachdem mein second hand Buch voraussichtlich niemals mehr in andere Hände gelangt (und wohl auch in die eigenen nicht mehr), schien es mir ausnahmsweise nicht als Frevel, darin mit Marker rumzupinseln. Tja, sozusagen „for the greater good“, Gewalt als legitimes Mittel. Von wem legitimiert? Und welche (Kollateral-) Schäden sind in welchem Umfang hinnehmbar? Die Gretchenfrage aller kriegerischen Auseinandersetzungen.

      Und ich gebe Dir recht, dass er genau diese Frage nicht auflöst, sondern vielmehr noch den alten Gringo mit yippie ya yeah heroisch auf die feindlichen Linien zureiten lässt. Was ne Kerl, raunt der Aufständler.

      Grüßle, Di

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    2. Diander Autor

      Und noch ein anderes Zitat hatte ich mir notiert, ziemlich am Beginn des Buches, als der Gringo die Grenze nach Mexico passiert.

      „Nun war er selbst ein Flüchtling aus freien Stücken, so flüchtig wie ehemals die Überlebenden der Überfälle von Navajos und Apachen, die aus Not, Krankheit, Rechtlosigkeit und bitteren Erfahrungen ins grausame Nomadentum zurückgefallen waren.

      Aber noch eine andere Furcht war vielleicht in ihm und er sprach sie aus, als er über die Grenze ritt: „Ich fürchte, die wahre Grenze trägt jeder in sich selbst.“

      Das wäre eigentlich ein guter Ansatz, der sich aber später in Luft auflöst, nicht weiter verfolgt wird.
      Grüßle, Di

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      1. doimlinque

        Was ne Kerl, raunt der Aufständler.

        Ich merke an solchen Stellen vor allem, dass diese Männlichkeitssauce – neben allen zwischen bratzig und brandgefährlich oszillierenden Adjektiven – auf mich vor allem einen Effekt hat: Gähn! Es ist so durchgenudelt und zeitigt die ewig sich gleichbleibenden, traurigen Effekte, ach, ach, ach…

        Das wäre eigentlich ein guter Ansatz, der sich aber später in Luft auflöst, nicht weiter verfolgt wird.

        Das ist ein bisschen die Geschichte dieses Romans, nicht wahr? Super Ausgangslage, viel zu wenig draus gemacht.

        Gruß, d.

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  2. justrecently

    schießt ihn Arroyo meuchlings in den Rücken, der Feigling, dann holen sie ihn wieder aus dem Grab, stellen ihn noch mal an die Wand und erschießen ihn dann noch mal von vorne, um den Schein zu wahren.
    Na also. War ja doch nicht alles schlecht.

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    1. Diander Autor

      Ha, wir lassen uns das Buch nicht schönreden. Nönö oder niente, wie es dort heißt, wo ich urlaubsbedingt weile. Obwohl, wenn ich mal sterbe, lege ich echt Wert drauf, hinterher noch von vorne erschossen zu werden. Weil, Winnetou, und so, voll super. So gesehen echt nicht alles schlecht. Ha, muss ich doch noch mal drüber sinnieren.

      Grüßle, Diander

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      1. justrecently

        Im Nordwesten fand mal ein Literaturwettbewerb statt, in dem ausdrücklich Sexszenen gefordert waren. Die Jury veröffentlichte dann auch sauren Gesichts die „besten“ Einsendungen. Selten so gelacht. (Man war jung und roh. Heute tät‘ man sich fremd schämen.)

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          1. justrecently

            Naja – ich habe noch nie etwas von ihm gelesen. Von daher fühle ich mich auch nicht verpflichtet, erschüttert zu sein. Aber bei dem schlimmsten Laut, der jemals aus ihr herausgekommen war, fielen mir die preisgekrönten Werke von damals wieder ein.
            Kann es übrigens sein, dass die Übersetzung ins Deutsche einfach zu billig war? Womöglich handelte es sich bei Fuentes ja um kunstvolle Stabreime, die von einem schlecht bezahlten Teutonen weder wahrgenommen noch gewürdigt wurden.

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            1. Diander Autor

              Erstmal sorry für die späte Antwort, ich war eine Zeit offroad, fern des www im Ausland.

              Kann es übrigens sein, dass die Übersetzung ins Deutsche einfach zu billig war? Womöglich handelte es sich bei Fuentes ja um kunstvolle Stabreime, die von einem schlecht bezahlten Teutonen weder wahrgenommen noch gewürdigt wurden.

              Hach, um das zu beurteilen, müsste man des Spanischen besser mächtig sein. Ich habe gerade mal kurz versucht, zu gucken, wie das denn im Original aussieht, aber ich habe die Stellen ehrlicherweise gar nicht gefunden (so mies ist mein Spanisch). Aber immerhin nun einen Link, mit dem die spanische Version nachlesbar wäre. Wer dort einen Stabreim entdeckt, kann ihn behalten…;)…

              Aber bei dem schlimmsten Laut, der jemals aus ihr herausgekommen war, fielen mir die preisgekrönten Werke von damals wieder ein.

              Ja, das war auch unsere Motivation, uns den Fuentes vorzuknöpfen, Klassiker und so. Aber mei, war halt ausnahmsweise ein Missgriff.

              Grüßle, Diander

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