Archiv des Autors: Diander

Nada, niente, tipota… oder: Hossa, hossa!

Philosophieren heißt bekanntlich sterben lernen, aber wenn der Gedankenfluss mal wieder eben so kläglich versiegt wie der Rio Grande im Staub der Wüste, kann womöglich der Blick auf die Konkurrenz dabei helfen, den Lernprozess wieder anzukurbeln. Leitfrage: Wie kratzen denn eigentlich die andern so ab?!? Einen ganz besonders stylishen Abgang legte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Ambrose Bierce hin, für seinen morosen Zynismus bekannter US-amerikanischer Journalist und Kurzgeschichtenschreiber von einigem Renommee. Als dieser nämlich fühlte, dass seine Zeit gekommen sei, schnürte er noch einmal sein Säckel und brach auf gen Süden ins benachbarte Mexiko, allwo gerade eine Revolution tobte, die das Land von Anarchie zu Chaos und wieder zurück taumeln ließ. Ausweislich seiner letzten Briefe an die in der Heimat Zurückgebliebenen schloss sich Bierce dem Zug des famosen Pancho Villa an, und dann machte es irgendwann Plopp! und war mit einem Mal kein Lebenszeichen mehr von ihm zu vernehmen. Der Gringo entschwand in einem schwarzen Loch des Weltgeschehens, danach nichts mehr oder besser: nada…

Die Lücken, die das Leben lässt, werden zur besonders üppigen Spielwiese für die Fabulierfreudigen, und so muss es fast schon Wunder nehmen, dass es bis zum Jahr 1985 dauerte, bis sich endlich ein Romancier dieser Steilvorlage der Geschichte anzunehmen versuchte und sein Garn auf den Markt warf. Der alte Gringo von Carlos Fuentes versucht, eine Abenteuergeschichte um die letzte Reise des vom Autoren offensichtlich bewunderten Bierce zu spinnen. Mit wechselhaftem Erfolg.

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Fundstück Erbstück

Lazy Sunday, und beim Aufräumen einer Schublade kommt ein altes Erbstück zum Vorschein, das mir vor vielen Jahren von einer Kollegin zur treuen Verwahrung übergeben wurde. Ich denke, es hätte der Kollegin gefallen, dies anlässlich des Equal Pay Days am 18. März 2019 wieder ans Licht zu bringen.

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Ingolstädter Eiszeit

Victor Frankenstein hat ein Problem: Die Kreatur, die er schuf, rückt ihm nicht mehr von der Pelle. Ihren Anfang hatte die Misere genommen, als der vielversprechende Jüngling aus dem heimatlich-beschaulichen Genf nach Ingolstadt übersiedelte, um am dortigen naturwissenschaftlichen Kolleg die akademische Welt im Sturm zu nehmen. Er hatte Großes vor und in einer stürmischen Novembernacht war es dem angehenden Wissenschaftler sodann tatsächlich mit fiebrigem Ehrgeiz, ein wenig Alchemie und einer Handvoll eigens ausgebuddelter Leichenteile gelungen, ein annähernd menschliches Wesen zusammenzuschustern und zum Leben zu erwecken. Schreck, lass nach!

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Neapel sehen und sterben

In einer durchaus imponierenden Anverwandlung literarisch-kultureller Spitzenleistungen ins oftmals unterschätzte Genre der Popmusik grölte vor Jahren die zwischen gemein und gefährlich oszillierende Fem-Rockikone Britney Spears den ebenso tanzbaren wie griffigen Slogan „I wanna scream & shout & let it all out!!!“ durch die Discolautsprecher dieser Welt. Unterging im – berechtigten – Hype um die Geilheit ihres 4 ½-Minuten-Ballermanns jene Blaupause aus der italienischen Literatur, bei der sich ihr Produzent will.i.am in puncto Geisteshaltung schamlos und unter Missachtung aller einschlägigen GEMA-Auflagen bedient hatte: „Die Haut“, von Curzio Malaparte.

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Verwelktes Glück

Frankreich in den Jahren der Julimonarchie Louis-Philippes I. nach 1830. Dem nicht unsympathischen, wohl aber unbedarft tumben Provinzarzt Charles Bovary passt es gut in den Kram, dass ihm die unter kräftiger Vermittlung seiner Frau Mama zugeschanzte unnahbare erste Ehefrau unter den Fingern wegstirbt: Endlich kann er dem heftigen Werben der jungen Klosterschülerin Emma, die in ihm einen Helden aus einem ihrer Liebesromane zu erkennen meint, nachgeben und das Glück der bürgerlichen Zweisamkeit am eigenen Leib erfahren. Oder so ähnlich. Was sich im Folgenden entspinnt, ist die klassische Erzählung über jenes Hinterher, das einem Damoklesschwert gleich über jedem happily-ever-after dräut.

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White quilt

I wonder if the snow loves the trees and fields, that it kisses them so gently? And then it covers them up snug, you know, with a white quilt; and perhaps it says, “Go to sleep, darlings, till the summer comes again.”

Aus Through the Looking-Glass, Lewis Carroll

Schneemützchen

Schneekuss im Abendlicht

Derweil ein guter Schluck geeister Salbeitee anbei…

Salbeieistee

Eine milde Schneegabe an alle in schneearmen Regionen, Grüßle und ein gutes Neues ,

Diander

Simsala Birnbaum basala dusala tot

„Was aus dem Menschen herauskommt“, heißt es in der Bibel, „das macht den Menschen unrein; denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft.“ Jene seelischen Untiefen auszuloten nahm sich dereinst Theodor Fontane zum Vorsatz, als er im Jahr 1885 die Novelle Unterm Birnbaum zu Papier brachte. Bluttat aus Raffgier, schwarze Magie und tiefste ostdeutsche Provinz – kein grauenerregender Topos des klassischen Schauerromans wird in diesem Proto-Krimi ausgelassen.

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