Archiv der Kategorie: Literatur

Verwelktes Glück

Frankreich in den Jahren der Julimonarchie Louis-Philippes I. nach 1830. Dem nicht unsympathischen, wohl aber unbedarft tumben Provinzarzt Charles Bovary passt es gut in den Kram, dass ihm die unter kräftiger Vermittlung seiner Frau Mama zugeschanzte unnahbare erste Ehefrau unter den Fingern wegstirbt: Endlich kann er dem heftigen Werben der jungen Klosterschülerin Emma, die in ihm einen Helden aus einem ihrer Liebesromane zu erkennen meint, nachgeben und das Glück der bürgerlichen Zweisamkeit am eigenen Leib erfahren. Oder so ähnlich. Was sich im Folgenden entspinnt, ist die klassische Erzählung über jenes Hinterher, das einem Damoklesschwert gleich über jedem happily-ever-after dräut.

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There’s a world going on underground

Nichts ist vorbei, wie man es auch wendet und dreht. Jahrhundertelang stellte die Sklaverei ein zentrales Element der nordamerikanischen Gesellschaft dar, zunächst in den Kolonien unter der Herrschaft europäischer Königshäuser und schließlich in den unabhängigen Staaten im Süden der USA. Mitmenschen wurden wie Nutztiere behandelt, gefoltert, vergewaltigt und ermordet. Weiterlesen

Simsala Birnbaum basala dusala tot

„Was aus dem Menschen herauskommt“, heißt es in der Bibel, „das macht den Menschen unrein; denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft.“ Jene seelischen Untiefen auszuloten nahm sich dereinst Theodor Fontane zum Vorsatz, als er im Jahr 1885 die Novelle Unterm Birnbaum zu Papier brachte. Bluttat aus Raffgier, schwarze Magie und tiefste ostdeutsche Provinz – kein grauenerregender Topos des klassischen Schauerromans wird in diesem Proto-Krimi ausgelassen.

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Der magnetische Norden

Mit der Mitte ist das so eine Sache, zumal auf einem kugelrunden Erdball wie dem unseren. Wo eine da rechts und links, oben und unten verordnet, erzählt in der Regel mehr über die betreffende Person denn über irgendetwas anderes. Norden, Süden, Osten, Westen – alles ist relativ und jeder Jeck sowieso anders. Weiterlesen

Sanfte kleine Melodeien

Der Mensch ist dasjenige Wesen, das hochkomplexe Geräte – genannt ‚Satelliten‘ – zusammenschraubt und diese unter immensem technischen Aufwand ins All schießt, wo sie auf minutiös berechneten geostationären Bahnen gemeinsam mit der Erde um die Planetachse rotieren und von Rundfunkstationen ausgeschickte Signale empfangen, nur um diese wiederum in die Wohnzimmer der Menschen zurückzuschicken, wo sie sich auf den Fernsehbildschirmen in Form von trashigen Reality-TV-Dramen, Kochsendungen oder Sportschauen, in denen 22 steuertricksende Millionäre das Runde ins Eckige bugsieren wollen, manifestieren. Mit Alfred Polgar gesagt: Der Mensch ist ein pathetisches Tier.    Weiterlesen

Verirrung und Verfall

 

Nirgends strapaziert sich der Mensch so sehr, wie bei der Jagd nach Erholung, deklamierte dereinst Laurence Sterne. Wie recht er damit hatte, erweist sich beim Blick auf den Protagonisten in Thomas Manns Novelle ‚Der Tod in Venedig‘, welcher einen Kurztrip auf den venezianischen Lido zum Anlass nimmt, unfreiwillig aus dem Leben zu scheiden.

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Fear and Loathing in Roulettenburg

Hoch her geht es in der deutschen Provinz! Ein russischer General ist mit seiner Entourage in dem kleinen Kurort Roulettenburg eingefallen und lebt mit den Seinigen auf großem Fuß. Aber alles ist nicht Gold, was gleißt: Hier, wo sich der paneuropäische Adel und das zu Einfluss gekommene Bürgertum die Klinke in die Hand geben, wo man bei Spaziergängen im Kurpark sieht und gesehen wird und wo gute Manieren die wahren Gefühle ausstechen, dreht sich im Grunde alles um die Jetons, die im örtlichen Kasino ausgegeben werden.

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